Schöne Ruinen ist ein optimistischer Roman über das Scheitern. Der
Titel geht zurück auf ein Zitat in einer Zeitschrift, das Richard Burton als "schöne
Ruine" bezeichnete. Es könnte aber auch auf jede Figur des Romans zutreffen.
Sie alle sind auf die eine oder andere Weise gescheitert: Als Schauspielerin,
als Hotelier, als Musiker, als Schriftsteller, als Filmproduzent. Das heißt
nicht, dass das Schicksal diese Menschen besiegt hätte. Ein verhinderter
Schriftsteller kann ein guter Autoverkäufer werden. Eine Schauspielerin, die
vergeblich auf den großen Durchbruch wartete, kann erfolgreich Schauspiel
lehren. Ein Produzent kann nach der Filmkarriere immer noch schmuddeliges
Reality-TV raushauen.
Wichtiger als die
Frage nach der beruflichen Eignung ist doch die nach der Eignung als Mensch.
Und da meint der Italiener Pasquale etwas vermurkst zu haben, als er 1962 die amerikanische
Schauspielerin Dee Moray hatte ziehen lassen, die in seinem entlegenen Hotel
untergetaucht war, unglücklich verliebt in und geschwängert von Richard Burton,
der gerade in relativer Nähe Cleopatra
drehte. Pasquale und Dee kommen einander menschlich nah, aber ihre eigenen
Probleme stehen einer echten Romanze im Weg. Jahrzehnte später taucht Pasquale als
alter, radebrechender Mann in Hollywood auf, um der Liebe noch eine Chance zu
geben …
Man kann mit Schöne Ruinen anfangs hadern: Die
Geschichte von der unglücklichen amerikanischen Schauspielerin im malerischen
italienischen Seeort lässt sich an wie veredelte Chick-Lit, und die satirischen
Seitenhiebe gegen Hollywood sind altbacken (altes Hollywood: hach, Frühstück bei Tiffany / neues Hollywood:
würg, alles nur noch verfilmte Videospiele). Von Kapitel zu Kapitel allerdings
wird deutlicher, was Jess Walter hier vorhat und warum die vermeintliche
Schmonzette in den USA ein beträchtlicher Kritikerliebling war. Diese eine
Geschichte ist in Wirklichkeit viele Geschichten. Mit der gleichen Sorgfalt,
mit der die Geschichten von Dee und Pasquale erzählt werden, werden auch die der
Menschen erzählt, die diese Geschichten beeinflussen. Und die Geschichten, die
diese Geschichten beeinflussen. Das können die unmittelbaren Lebensgeschichten der
Protagonisten des Buches sein, aber auch eine Kannibalenschnurre aus dem Wilden
Westen, in der eine Romanfigur eine gute Drehbuchidee wittert, oder ein Auszug
aus dem autobiografischen Kriegsroman, an dem eine andere Figur scheitert. Walters
Kunst ist es, bei diesem großen Panorama immer den Überblick zu behalten, alles
zu allem in Zusammenhang zu setzen und es durchgehend für den Leser interessant
zu gestalten. Wer einmal gepackt ist, bleibt gepackt. Ganz egal, ob er
eigentlich lieber über Kannibalen, Rockmusiker, italienische Fischer,
amerikanische Autoverkäufer, Hollywood, Idaho oder Edinburgh liest.
Selbst auf den
letzten Metern führt der Roman noch neue Figuren ein, bei denen man gerne
etwas verweilt wäre. Aber dann wären aus über 400 Seiten möglicherweise über
800 Seiten geworden. Es spricht für Schöne
Ruinen, dass einen das eigentlich nicht gestört hätte.
-- ANe