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Eilmeldung: Michel Houellebecq ist … glücklich!

Es ist keine Sensation, dass Michel Houellebecq für seinen aktuellen Roman Karte und Gebiet den Prix Goncourt gewonnen hat, den wichtigsten französischen Literaturpreis, unbezahlbar und mit 10 EUR dotiert. Das ist lediglich eine Selbstverständlichkeit. Eine Sensation ist Houellebecqs Stellungnahme unmittelbar nach Verkünden des Jury-Entscheids: „Das ist ein komisches Gefühl, aber ich bin überglücklich.“

Karte_und_Gebiet Ist es für Houellebecq ein komisches Gefühl, den Preis gewonnen zu haben, oder überglücklich zu sein? Für den Leser ist es jedenfalls ein komisches Gefühl, dass Houellebecq sich zum Glück bekennt, zum Überglück sogar. Er, der dauerdepressive Hassköter der französischen Literatur, der in seinem bisherigen Schaffen allenfalls für Sextourismus, Swingerclubs und obskure Sekten ein Mindestmaß an Enthusiasmus aufbringen konnte. Aber das Bild, das die Öffentlichkeit von ihm als ewigen Provokateur habe, sei ja sowieso grundlegend falsch, wie er unlängst in einem Interview zu Protokoll gab. Nie habe er provozieren wollen, sondern immer nur die Wahrheit sagen; zum Beispiel, dass Prostitution und Atomkraft ausschließlich positive Seiten haben.

Dieses schlitzohrige Spiel mit Dementi und Bedienung seiner klassischen Rolle wird in Karte und Gebiet noch auf die Spitze getrieben. In der Romanhandlung kommt der Autor gleich zweimal als Alter Ego vor: als der fiktive Künstler Zed Martin, und als der ebenso fiktive Schriftsteller Michel Houellebecq, der am Ende von einem Serienmörder in Streifen geschnitten wird (abgesehen vom Kopf). Oberflächlich betrachtet ist der Roman eine herkömmliche Künstlerbiografie. Zed Martin wird mit abfotografierten Landkarten vom Nobody zum Shooting Star der Kunstszene, er verkehrt in Promi-Kreisen, hat ein kompliziertes Verhältnis zu einer hochrangigen Mitarbeiterin von Michelin (eine für Houellebecqs Verhältnisse erstaunlich differenziert gezeichnete Frauenfigur), ein noch komplizierteres zu seinem Vater und ein ungewisses zu seinem Beinahe-Freund Houellebecq. Wie alle Romane Houellebecqs ist aber auch Karte und Gebiet nicht in erster Linie eine Erzählung, sondern ein Thesenroman. Die Thesen sind durchaus die, die wir von ihm kennen. Es geht um die Unmöglichkeit und Unvermeidbarkeit der Liebe, die Hassliebe zur totalen Konsumgesellschaft, die Unvereinbarkeit von Mann und Frau, Stadt und Land, Wissen und Glauben, Leben und Tod. Und es geht um Michel Houellebecq und seine Selbstinszenierung, die tatsächliche und die vermutete. Zed Martins Inspiration für seine legendäre Fotoserie lautet: „Die Karte ist interessanter als das Gebiet.“ Das gilt auch für Houellebecq: Das Bild (fremdsprachlich: Image) ist interessanter als die Person. Der Leser tappt mit beiden Füßchen in eine Falle, wenn er hier nach wirklichen wahren Wahrheiten über den Autoren sucht. So ist Karte und Gebiet auch ein Schelmenroman allererster Kajüte.

Und selbstverständlich ein Künstlerroman. Dabei begeht Houellebecq nicht den üblichen Fehler, die kleinen Merkwürdigkeiten des Kunstbetriebs zu grotesken Makeln aufzublasen und die dreimillionste billige Satire über Eitelkeit, Prätention und Raffgier aufzuschreiben. Die Kunst, die Zed Martin schafft, hat tatsächlich Hand und Fuß und würde den realen Kunstmarkt durchaus bereichern.

Der große, alles entscheidende Unterschied von Karte und Gebiet zum bisherigen Schaffen Houellebecqs: Der Ton macht die Musik. Es ist nicht mehr ätzender Geifer, mit dem der Autor die Unzulänglichkeit von Welt und Mensch beklagt, sondern ein wehmütiges Lächeln. Ja, auch hier stirbt ein Mensch samt Haustier einen gewaltsamen Tod, und eine Angestellte einer Sterbehilfeorganisation kommt durch Fremdeinwirkung ungünstig an einer Tischkante auf, aber zwischen diesen gewalttätigen Einzelfällen ist der Tenor des Romans überraschend zärtlich und sentimental. Schön, wie der Autor immer wieder die Poesie im Profanen findet, etwa wenn die Hauptfigur die Bedienungsanleitung einer Kamera liest und sich fragt, ob sie jemals die Programme BABY und PARTY brauchen wird.

Sollte dies tatsächlich sein letzter Roman sein, wie Houellebecq es angedroht hat, dann hat er seine Karriere nicht mit dem erwarteten großen Knall beendet, sondern zum Abschied leise Servus gesagt. Und das wird vermutlich sogar länger nachhallen.

-- ANe

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