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Zukunftsgeschichten über die Gegenwart: „Biokrieg“ von Paolo Bacigalupi

Biokrieg Gute Science Fiction handelt von der Gegenwart. Und gute Science Fiction ist in erster Linie gute Fiction. Beides demonstriert Paolo Bacigalupi in seinem Romandebüt Biokrieg so eindrucksvoll, dass es dafür prompt den Hugo und den Nebula Award gab, die beiden höchsten Auszeichnungen des Genres. Es dürfte nur eine Frage der Zeit sein, bis auch die literarische Welt außerhalb der Zielgruppe von Bacigalupis Talent Notiz nimmt, wurde doch sein zweiter Roman Ship Breaker (englisch) bereits für den über Genregrenzen hinaus renommierten National Book Award nominiert.

In Biokrieg schildert der amerikanische Autor eine Welt, in der sich die Zivilisation dank Umweltsünden und aus dem Ruder gelaufener Gentechnik weitgehend abgeschafft hat. Nur in Thailand, das sich von der internationalen Gemeinschaft rigoros abgeschottet hat, gibt es noch unverseuchte Nahrung und rudimentäre Technik, zum Beispiel Kurbel-Computer. Nach Bangkok hat es vier Menschen verschlagen, deren Lebenswege sich in einer spiralartig erzählten Geschichte immer näher kommen, bis sie hochdramatisch in einem Punkt zusammenlaufen: Ein vorgeblicher Fabrikleiter mit geheimen Plänen, ein Flüchtling auf der Suche nach einer Zukunft, eine idealistische Angestellte des Umweltministeriums und ein zum Dienen geschaffenes Kunstwesen, das sich von seiner devoten Konditionierung emanzipieren muss.

Bacigalupis Figuren sind psychologisch komplex, sein Weltentwurf ist originell und konsistent. Die Handlung des Romans entspringt den Handlungen der Figuren, ist nicht angewiesen auf gimmickhafte Zufälle. Es geht dem Autor darum, das Sittengemälde einer Gesellschaft zu malen, die von unserer nicht weit entfernt ist. Die Menschen können sich darin nur auf sich selbst und im Idealfall aufeinander verlassen. Korrupten Behörden und der nebulösen Regierung ist ebenso wenig zu trauen wie den Heilsversprechen der Religionen, sowohl denen der buddhistischen Leitkultur, wie auch denen der radikalen christlichen Sektierer, die von außen ins Land einfallen und sich nicht integrieren mögen. Abenteuerliche Fluchten und knochenkrachende Action beherrscht Bacigalupi, muss davon aber nur selten Gebrauch machen. Das Abenteuerliche ist nur ein Aspekt von Biokrieg, der mit seinen Sozialdramen und seinen entwurzelten Charakteren mehr von Charles Dickens und Casablanca hat als von konventioneller Genreliteratur. Nur dass Charles Dickens keine Science Fiction geschrieben hat, und dass in Casablanca keine mutierten Elefanten und Katzen rumlaufen.

--ANe

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