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Als das Jahr 2006 noch Zukunft war: William Gibsons Idoru-Trilogie

Idoru Der kanadische Schriftsteller William Gibson hat in den knapp 30 Jahren seiner Karriere einen erstaunlichen, aber letztendlich nur konsequenten Wandel vom Science-Fiction-Erneuerer zu einem der wichtigsten englischsprachigen Gegenwartsautoren frei von allen Genre-Stigmata vollzogen. Ständig innovativ, technologisch, soziologisch und kulturell immer auf der Höhe der Zeit – es ist eine seltsame Vorstellung, dass der 63-jährige rein rechnerisch kein Junger Wilder mehr ist.

Ein bisschen in Vergessenheit geraten ist heute, völlig zu Unrecht, der mittlere Teil seines bisherigen Schaffens, der eine Art Bindeglied zwischen den Cyberpunk-Romanen der Neuromancer-Trilogie und den literarischen Techno-Thrillern der letzten Jahre darstellt. Dabei müssen sich die Romane Virtuelles Licht, Idoru und Futurematic, die jetzt als Die Idoru Trilogie gesammelt neu aufgelegt wurden, keinesfalls hinter Gibsons alten Klassikern und neuen Bestsellern verstecken.

Ganz im Gegenteil. Insbesondere Idoru, den zweiten Roman im Sammelband, möchte man mit Superlativen nur so überschütten. Es ist nicht nur Gibsons bis dato bester Roman, es ist überhaupt einer der besten Science-Fiction-Romane der Neunziger, einer der besten Tokio-Romane der Neunziger, generell einer der besten englischsprachigen Romane der Neunziger, und eigentlich könnte man den Zeit- und Sprachraum auch noch ausweiten. Ist Gibsons allseits verehrtes Debüt Neuromancer vielleicht ein klitzekleines bisschen überschätzt, so wird Idoru ständig in inakzeptablem Maße unterschätzt. Im Zentrum der Handlung steht ein alternder westlicher Rockstar, der es sich in den Kopf gesetzt hat, ein virtuelles japanisches Popidol zu heiraten (idoru ist die japanische Entsprechung des englischen Wortes idol). Eigentlich geht es aber um die Geschichten der Menschen, deren Leben aus unterschiedlichen Gründen um das freudige Ereignis kreisen, zum Beispiel besorgte Fanclub-Mitglieder, Sicherheitspersonal, Datenspione, Schmuggler, Hacker und die russische Mafia. Figuren, die einem nahegehen und einen nach der Lektüre noch lange begleiten (sonst nicht die Stärke dieses Autoren), in einem berauschenden Szenario aus weitergedachter urbaner Wirklichkeit und digitalem Märchenwald.

Manches an der Oberfläche der drei Romane wirkt charmant veraltet, aber das ist kein Beinbruch. Science Fiction war noch nie gut darin, die Zukunft vorauszusagen. Die Vorstellung von virtueller Realität, die mit Datenhelmen und -handschuhen erlebbar ist, scheint heute genauso „herrlich Neunziger-Jahre-mäßig“ wie die Vorstellung von punkigen Fahrradkurieren als hippe Helden. Ganz zu schweigen davon, dass sich das mobile Faxgerät dann doch nicht durchgesetzt hat. Aber das, was zwischen den Zeilen steht, bleibt frappierend aktuell, etwa die Kritik an der Gentrifizierung alternativer Lebensräume oder die amerikanische Ur-Angst, dass die Asiaten bald alles übernehmen. Im Laufe der Jahre hat sich lediglich ein paarmal die Vorstellung verschoben, welche Asiaten genau das sein werden.

Idoru und der Vorgänger Virtuelles Licht, eine unterhaltsame und kluge Mischung aus Science Fiction und Noir-Detektivgeschichte,  haben in der Peripherie zwar ein paar Figuren und Motive gemein, können aber als eigenständige Werke gelesen werden. Mit dem Abschlussband Futurematic ist das schwieriger. Wie es sich für ein großes Finale gehört, kommen hier alle noch einmal auf die Bühne. Die Handlung spielt in San Francisco (Hauptspielort von Virtuelles Licht), Tokio (Idoru) und in zahlreichen virtuellen Welten. Nichts Geringeres als das Ende der Welt, wie wir sie kennen, steht bevor, aber wie das genau aussehen wird, und was unsere Protagonisten damit zu tun haben, ist selbst bei bester Kenntnis der vorangegangenen Romane schwer zu entwirren. Gibson wird häufig vorgeworfen, und dies nicht ganz zu Unrecht, er stopfe viel zu viele Ereignisse und viel zu wenige Erklärungen in seine Romane. Bei Futurematic stimmt das definitiv, aber dem Lesevergnügen muss das nicht komplett abträglich sein. Verständlichkeit wird in der Literatur und anderen Künsten eh überbewertet. Futurematic ist ein einziges Chaos, aber es ist ein wunderschönes Chaos. Einfach jeden Widerstand aufgeben und mitreißen lassen.

-- ANe

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