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CobyCounty wird niemals untergehen

SchimmernderDunst Weil es in der Welt selten gerecht zugeht, hat Leif Randt 2011 beim Ingeborg-Bachmann-Wettlesen in Klagenfurt keinen Preis für seinen Auszug aus Schimmernder Dunst über Coby County bekommen, aber immerhin ein paar warme Worte. Einig waren sich Richterinnen und Richter, dass im weiteren Verlauf der Handlung bestimmt auf den ruhigen Einstieg das große Donnerwetter folgen würde, Heulen und Zähneklappern, kein Stein auf dem anderen, es müsste apokalyptisch enden, das ginge gar nicht anders, das sei vorgezeichnet. Dass gerade die Jury eines sich so ehrwürdig gerierenden Wettbewerbs Literatur ohne Krawall für unvorstellbar hält, ist erstaunlich.

Die Sensation des Romans ist, dass die Sensation ausbleibt. Dennoch deutet sich hauchzart immer wieder an, dass etwas faul ist im beschaulichen CobyCounty (der Ortsname wird im Titel tatsächlich anders als im Text geschrieben, überhaupt feiert die Binnenmajuskel im Roman fröhliche Urständ). Hier tummeln sich Touristen und Kreative, wobei letztere im gegenwärtigen Allerweltssinne ‚kreativ‘ sind;  Eventmanager behaften sich ebenso mit diesem Begriff wie Literaten. Hauptfigur und Ich-Erzähler Wim ist junger Literaturagent und verlangt nicht viel vom Leben. Eigentlich sogar ganz im Gegenteil: „Ich empfand einen zweiten Saft immer als einen Saft zu viel“, sinniert er beim Frühstück mit der Mutter, die ihrerseits schon mal ganz gerne einen zweiten Saft nimmt. Er liebt das sediert-behütete Leben in CobyCounty (obgleich ‚liebt‘ vielleicht ein zu starkes Wort für sein Naturell ist) und schreckt größere Veränderungen. Doch Veränderungen zeigen sich an. Die Hochbahn verunglückt. Aber es geht glimpflich aus. Seine Freundin (Carla) verlässt ihn. Aber er findet eine neue (CarlaZwei). Ein Sturm zieht auf. Aber er zieht auch wieder fort.

Idylle zerstören kann jeder, dazu bedarf es keiner Kunstfertigkeit. Leif Randts große Kunst ist es, der Idylle Risse beizufügen, ohne sie zu zertrümmern. Vielleicht sind sogar seine sprachlichen Ungenauigkeiten bewusst eingesetzte Brüche. Bei einer Ich-Erzählung ist es stets schwierig zu beurteilen, ob die Figur oder der Autor einen Fehler macht, wenn beispielsweise in einer Tour ‚zeitgleich‘ und ‚gleichzeitig‘ verwechselt wird. Da CobyCounty sicherlich nicht im deutschsprachigen Raum liegt, muss man den Roman als geistige Übersetzung lesen und tendiert dazu, die Fehler dem Autoren anzukreiden. Aber selbst wenn man damit richtig läge: Für jede kleine Schlamperei gibt es mindestens einen dieser großartigen, klaren Sätze, in denen eine ganze Weltanschauung in ein Glas Orangensaft passt.

 -- ANe

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