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Tom Rob Smith: Agent 6

Agent6

2008 konnte man denken: Ist denn schon wieder 1981? Ein englischsprachiger Autor mit drei kurzen Namen, von denen der dritte Smith war, debütierte hoch gelobt und viel verkauft mit einem Kriminalroman, der in Russland spielte und eine Hauptfigur hatte, die zur Serienfigur werden sollte. Darin erschöpfen sich allerdings auch die Parallelen zwischen Tom Rob Smiths Kind 44 (2008) und Martin Cruz Smiths Gorki Park (1981). (Um der Spitzfindigkeit Genüge zu tun: Stimmt, Gorki Park war nicht direkt Cruz Smiths Debüt, aber sein erstes Buch unter diesem Namen.) Insbesondere die weitere Entwicklung der jeweiligen Serien unterscheidet sich deutlich. Tom Rob Smith wurde schon in Kolyma, dem zweiten Roman seiner Reihe, die Thriller-Schublade zu eng. Er interessierte sich mehr für das Schicksal seines Protagonisten Leo Demidow, reuiger Geheimagent mit unfeiner Vergangenheit, und den Zusammenhalt seiner fragilen Familie, als für die leidige Krimi-Frage, wer wo was wem wie womit und warum angetan hat. Einige Leser irritierte das, und tatsächlich war Kolyma, wie viele zweite Bücher, so etwas wie das undankbare Buch in der Mitte, das in erster Linie die zwei wichtigeren Teile einer Trilogie zu verbinden hat.

Mit Agent 6 gelingt Tom Rob Smith nun der große Wurf, auf den man kaum zu hoffen wagte. Der Roman erzählt mit enormen Zeitsprüngen, aber immer nah an seinen Figuren, von Leo Demidows Suchen, Finden und Verlieren der Liebe. Nach einem tragischen Verlust sinnt er auf Vergeltung, aber der Rachefeldzug führt nicht weit. Er kommt in Haft, dann an Drogen, schließlich dämmert er im Kabuler Opiumnebel als Militärberater vor sich hin. Als sich die Gelegenheit bietet zu den Amerikanern überzulaufen, erwacht sein Kampfgeist wieder: In New York wartet der ominöse Agent 6, mit dem er noch die Rechnung seines gescheiterten Lebens zu begleichen hat.

Agent 6 ist ein Rachedrama mit befriedigendem, aber nicht (übermäßig) martialischem Ende. Ein Roman über das Auseinanderbrechen einer Familie, die gerade erst zusammengefunden hatte. Und ganz nebenbei eine akkurate Beschreibung des politischen Klimas zwischen Ost und West vom Kalten Krieg bis kurz vor Perestroika. Tom Rob Smith lässt den geschichtlichen und politischen Hintergrund genauso beiläufig einfließen wie seine glaubwürdigen Milieubeschreibungen aus Russland, Amerika und Afghanistan. All das bereitet die Bühne für die Erzählung, übertönt aber nie die geradlinige Geschichte und ihre komplexen Figuren. Agent 6 ist nicht nur ein würdiger Abschluss der Leo-Demidow-Trilogie, sondern ein großer Roman, der ohne weiteres für sich selbst stehen kann. Es rührt fast, wie sehr Tom Rob Smith in nur drei Jahren als Schriftsteller gewachsen ist. Mussten in Kind 44 der spannende Plot und die interessanten Charaktere noch über den oft holprigen Stil hinwegtrösten, kann man Agent 6 auch lesen, weil man einfach gerne liest. Leo Demidow gönnen wir jetzt seine Ruhe. Aber was Tom Rob Smith als nächstes macht, wollen wir unbedingt wissen.

Die ersten beiden Romane der Trilogie sind auf Englisch für Kindle erhältlich: Child 44 ׀ The Secret Speech

-- ANe

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