
Der Amazon Autoren-Preis zielt darauf ab, neue Talente aus dem deutschsprachigen Raum zu präsentieren und zu fördern. Für den Preis im Frühjahr ist Thomas Willmann mit seinem Romandebüt Das finstere Tal nominiert. Er ist gemeinsam mit vier weiteren Autoren auf der Jagd nach den besten Kundenrezensionen.
Wir haben dem Nominierten vorab einige Fragen gestellt:
Wie kommt man darauf, einen Heimat-Winterwestern zu schreiben?
Das sind eigentlich zwei Fragen. Die erste ist, woher die Idee kommt. Da war bei mir im Kopf schon länger die Begeisterung für Western allgemein, und geradezu eine Liebe zu Winterwestern. Sowie - dank einer Kaufhaus-Bücherwühlkiste - die überraschende Entdeckung, wieviel besser als sein Ruf Ludwig Ganghofer ist. Das ergab eine Art entzündliches Gemisch - zu dem als Funke der Gedanke kam, dass der Western ja eigentlich auch nichts anderes ist als der Heimatfilm und -roman der USA. Das war wirklich so ein Aha-Moment, der die Idee auslöste, doch einmal beide Genres miteinander kollidieren zu lassen und zu schauen, was passiert.
Und die zweite Frage?
Die ist, warum ausgerechnet diese Idee dann blieb und tatsächlich zum Buch wurde. Ich pflege gern zu sagen: "Anfänge habe ich ohne Ende!" Aber hier standen sehr schnell und präsent die gesamte Welt des "Finsteren Tals", ihre Bewohner und der Bogen der Handlung vor meinem inneren Auge. Und sie wollten nicht weichen - obwohl ich ihnen alle Gelegenheit dazu geboten habe. Ich habe das Buch über einen Zeitraum von gut zehn Jahren geschrieben, oft mit sehr langen Pausen zwischen den einzelnen Phasen der Aktivität. (Noch einer meiner Standardsätze: "Das Schreiben geht schnell - das Nichtschreiben kostet soviel Zeit!") Aber diese archaische Welt - und dazu auch ihre recht eigene Sprache - war immer da. Und sie hat mir keine Ruhe gelassen, bis ich sie nicht fertig erzählt hatte.
Haben Sie eine Erklärung für diese Beharrlichkeit des Stoffs? 
Inzwischen zumindest teilweise, ja. Wobei es verblüffend ist, was einem alles am eigenen Text erst mit Abstand bewusst wird. Mir ist mittlerweile klar, wieviel Persönliches doch in dem Buch steckt, obwohl ich es einst als vermeintlich reine Genre-Übung angegangen bin. Aber im "Finsteren Tal" versammeln sich doch sehr dicht alle meine Horrorvorstellungen davon, wie Menschen und Gesellschaften sein können. Diese ganze Enge, Engstirnigkeit, Ergebenheit in die Umstände, das bloße, freudlose Existieren - all das macht mir Angst. Und Horror ist eine gute Kraftquelle.
Das "Finstere Tal" ist für Sie also sozusagen das Gegenteil einer Heimat?
Ja, genau. Es ist die Heimat meiner Albträume. Wie's auch einmal heißt in dem Buch: Ein Ort, an dem es keine Musik gibt. Was für mich so ziemlich Höchststrafe wäre.
Und was wäre für Sie "Heimat" im positiven Sinne?
Jedenfalls etwas, das nur sehr bedingt geografisch festzumachen ist. Es gibt schon auch Orte, an denen ich das Gefühl habe: "Hier bin ich daheim!" Aber die sind sehr punktuell, und sie sind über die halbe Welt verteilt. Heimat sind für mich aber vor allem gewisse Menschen - auch die in aller Herren Länder zu finden - mit denen mich etwas verbindet. Und ich fühle mich in vielen fiktionalen Welten mindestens so daheim wie in der Realität - in bestimmten Büchern, Filmen, Musikstücken.
Welche Bücher wären das denn?
Grundsätzlich bin ich ein notorischer Allesleser. Und ich habe nach wie vor einen Faible für Genre-Literatur. Aber am meisten begeistern mich Bücher, die mir einen Blick auf die Welt geben, den ich als zutiefst wahr empfinde - und dies zugleich auf eine Weise tun, die ganz fremd dem ist, wie ich selbst je schreiben könnte. Mein "Buch der Bücher" ist wohl "Moby-Dick". Ich verehre aber auch David Foster Wallace, Richard Powers oder George Saunders. Wie gesagt: Ziemlich weit weg von Heimat-Winterwestern...
Haben Sie vor, diesem Genre treu zu bleiben?
Nein. Ich würde es nicht kategorisch ausschließen, irgendwann zu ihm zurückzukehren, falls nochmal eine Geschichte anklopft, die da wirklich, wirklich erzählt werden will. Momentan sehe ich die aber nicht. Und es gibt nichts Schlimmeres, als einem Erfolg mit kraftlosen Imitaten hinterherzuhecheln. Was mich derzeit umtreibt - und, ja, ich arbeite an einem zweiten Buch - ist etwas ganz anderes. Der Aberglaube verbietet mir, mehr zu verraten. Aber ich hoffe sehr, dass es - toi, toi, toi - wieder eine dieser Geschichten ist, die nicht locker lassen wollen.
Hier geht's zu den Kandidaten von Entdeckt! Der Amazon Autoren-Preis.
--MRa