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Stephen King: Der Anschlag

DerAnschlag

Stephen Kings Der Anschlag ist gleich in zweierlei Hinsicht eine Zeitreise. Zum einen verschlägt es den Protagonisten in die Vergangenheit, zum anderen erinnert das Buch als solches an die (vermeintlich) vergangene Zeit, als Kings umfangreichere Werke noch den schmaleren vorzuziehen waren. In den Siebzigern und Achtzigern schuf Stephen King mit Romanen wie Das letzte Gefecht (für Kindle: auf Englisch) oder Es glänzend komponierte apokalyptische Schauerschwarten, die bei aller apokalyptischer Schaurigkeit so lebhaft und intim erzählt waren, dass man sie eher gelebt als gelesen hat. Darüber hinaus porträtierte und sezierte er die amerikanische Gegenwartskultur und Volksseele so genau wie kaum ein Zeitgenosse aus dem höheren Literaturkanon. Das war mehr als nur goldenes Handwerk, das war große Kunst. In den Neunzigern und Nullern gefielen dann eher verhältnismäßig kompakte Schocker wie die Zombie-Variation Puls oder der Psychothriller Das Spiel, während die Backsteinschmöker inhaltlich, sprachlich und dramaturgisch zunehmend banaler wurden. Es wurde gar so schlimm, dass man sich schon bang fragen musste, ob die frühere Begeisterung nicht eher der Jugend des Lesers als dem Können des Autors geschuldet war. Der Anschlag gibt Entwarnung: Es war keine frühkindliche Einbildung, King ist tatsächlich ein fesselnder wie profunder Langstreckenerzähler. Immer noch. Oder: Inzwischen wieder.

Der krebskranke Koch Al zeigt dem Lehrer Jack Epping ein Zeitloch in seiner Vorratskammer: Dadurch kann man in das Jahr 1958 reisen und wieder zurück. Greift man in der bereisten Vergangenheit in den Lauf der Geschichte ein, hat das Auswirkungen auf die Gegenwart. Allerdings nur bis zur nächsten Reise, an deren Beginn alles wieder in den Urzustand versetzt wird. Egal wie viel Zeit man in der Vergangenheit verbringt, bei der Rückkehr werden in der Gegenwart nur zwei Minuten verstrichen sein. Al hat einen Plan: Jack soll 1963 durch ein Attentat auf Lee Harvey Oswald das Attentat auf John F. Kennedy verhindern. Er müsste also mindestens fünf Jahre in der Vergangenheit verbringen, sich eine Identität aufbauen, einen Plan schmieden und sichergehen, dass Oswald tatsächlich Einzeltäter war.

Ein Testlauf zeigt, dass der Plan funktionieren könnte: Jack verhindert eine Familientragödie und die Biografien der Beteiligten entwickeln sich anders als zuvor. Also reist er wieder zurück, richtet sich in einem kleinen Ort bei Dallas häuslich ein, wird Lehrer, verliebt sich in die Bibliothekarin und plant seinen Mord. So einfach wie das klingt, ist es derweil nicht: Die Vergangenheit lässt sich ungern ändern und bietet von kleinen Irritationen bis zu großen Schicksalsschlägen einiges auf, um Jack die Tour zu vermasseln.

Wie zu erwarten war, kann sich King von seiner gewohnten Americana-Nostalgie nicht ganz freimachen. Früher waren die Menschen höflicher und trugen Hüte, Rock’n’Roll war Rock’n’Roll, und die Limo schmeckte noch wie Limo. Aber es braucht nicht lange, bis er die Kehrseite zeigt: ein unverheirateter Mann kann seinen Wagen unmöglich über Nacht vor dem Haus einer unverheirateten Frau parken, und öffentliche Toiletten sind nicht nur nach Geschlechtern, sondern auch nach Hautfarben getrennt. King glaubt zum Glück auch nicht an die Heilslehre von der Lichtgestalt JFK, die alles gut gemacht hätte, hätte man sie nur gelassen. Bei der Vermeidung des Anschlags geht es weniger um das direkte Wirken Kennedys, als um die indirekten Auswirkungen seines Weiterlebens. Schmetterlingseffekt ist hier das Stichwort: Kleine Ursache, große Wirkung. (Dieser Schmetterlingseffekt, liebe Kinder, geht übrigens nicht zurück auf einen Film mit Ashton Kutcher, sondern auf eine Kurzgeschichte von Ray Bradbury.)

Die Grundidee mag der Science Fiction entliehen sein, aber gottlob hält man sich nicht lange mit dem genreüblichen Klein-Klein um Raum-Zeit-Kontinuum-Paradoxien und hastenichgesehn auf. Es geht bei der Zeitreise-Thematik hier weniger um Logik-Spielereien, als um einen geeigneten Aufhänger für die Botschaft des Buches: Lerne aus der Vergangenheit, aber lebe in der Gegenwart. Es gibt zahlreiche klassische Spannungsmomente aus der Thriller-Literatur, in ihren drastischeren Höhepunkten kumulieren sie schon mal im Horror. Wie immer sind da auch jede Menge Querverweise auf andere Werke Kings. Was allerdings in anderen Büchern oft nur aufdringlich augenzwinkernder Fanservice ist, macht in Der Anschlag Spaß und bleibt stimmig. Die Ereignisse von Es hängen wie ein giftiger Dunst über der Stadt Derry. Langjährigen Lesern wird kaum entgangen sein, dass 1958 das Baujahr von Christine ist, und so taucht ein gewisser Straßenkreuzer an manchen Stellen als Vorbote unguter Entwicklungen auf. All das bringt einen nicht etwa aus der Geschichte raus, sondern zieht einen tiefer in den King-Kosmos hinein. Schlussendlich ist Der Anschlag vor allem eine Liebesgeschichte, aber als alleiniger Stempel wäre das zu wenig. Dieser dicke Roman, der kein Gramm Fett zu viel hat, passt in keine Schublade.

Auf der ewigen Stephen-King-Bestenliste nimmt Der Anschlag einen der obersten Plätze ein. Jetzt hat der Herr wieder ein paar schwächere Titel gut.

-- ANe

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