Herr Nassehi, das legendäre Kursbuch ist wieder da. Was interessiert die Menschen heute am Kursbuch?
Das klassische Kursbuch, 1965 gegründet von Hans Magnus Enzensberger, hat eine Gegenöffentlichkeit etabliert, in der über Dinge diskutiert wurde, für die es damals kein Forum gab. Heute haben die Menschen nicht mehr das Problem, eine Gegenöffentlichkeit zu suchen – denn es kann inzwischen alles gesagt werden. Was heute eher notwendig ist, ist ein Forum, das die Vielfalt eher ordnet, ungewohnte Perspektiven zusammen bringt und nicht mit schnellen Antworten und Lösungen hausieren geht. Das neue Kursbuch will einen gelassenen Ton in die Debatte bringen, der es ermöglicht, Gedanken und Argumente auch wirklich zu entfalten und zur Diskussion zu stellen.
Das erste Heft heißt "Krisen lieben". Mal ehrlich: Wie kann man denn Krisen lieben?
Seit es die moderne Gesellschaft gibt, wähnt sie sich in der Krise. Wir haben uns in den unterschiedlichen Krisen eingerichtet und uns an Krisendiagnosen gewöhnt. Es gibt auch viele, die von Krisen profitieren. Krisen lieben soll exakt jene überraschende Sicht auf die Dinge symbolisieren, die etwa im ersten Heft Werner Plumpe vorführt, der zeigt, dass die Geschichte der modernen Wirtschaft eine sehr produktive Krisengeschichte ist. Oder Katja Mellmann und Wolfgang Schmidbauer, die zeigen, dass Krisen in der Erzählliteratur oder in der Psychotherapie erst die Bedingung dafür sind, dass sich Leben erzählbar machen. Mit solchen ungewöhnlichen Blicken auf die Welt entsteht Überraschendes beim Lesen. Das wollen wir initiieren.
Welche Beiträge würden Sie denn unseren Lesern zur Lektüre besonders ans Herz legen?
Als Herausgeber kann ich natürlich alle Beiträge empfehlen. Ich habe schon einige genannt. Auch Florian Rötzers gelassener Blick auf die merkwürdige Diversität unserer Medienlandschaft ist einige Aufmerksamkeit wert, natürlich auch das schöne literarische Stück von Kathrin Röggla, das einen geradezu hyperrealistischen Einblick in unsere politischen Krisenbewältigungsstrategien erlaubt – überhaupt spielt Literatur und Kunst eine besondere Rolle im neuen Kursbuch.
Das Heft enthält überdies Bilder von Romuald Hazoumès. Warum haben Sie ihn ausgewählt?
Hazoumè ist ein Künstler aus Benin, der auf zwei Dinge hinweist: zum einen verwendet er einen für uns geradezu wertlosen Gegenstand, nämlich Plastikkanister, die in Benin aber geradezu ein Wertgegenstand sind – ein sehr deutlicher Blick auf die „Krise“. Zum anderen kommt er westlichen Seherwartungen entgegen. Europäer wollen von Afrikanern Masken sehen – und sie bekommen diese Masken. Das weist auf die Krise bestimmter Sehgewohnheiten hin. Hazoumè spielt mit unseren Erwartungen – und bietet zudem den Europäern Entwicklungshilfe an, denn sie sind ja in der Krise. Der flankierende Beitrag von Daniela Roth bringt das alles wunderbar auf den Begriff.
-- ABi