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Ernest Cline: Ready Player One

ReadyErnest Cline, Autor von Ready Player One, braucht es gar nicht zu leugnen: Er ist Nostalgiker. Schlimmer noch: 80er-Jahre-Nostalgiker. Er schrieb das Drehbuch zur Star-Wars-Fandom-Klamotte Fanboys und ist schamlos stolzer Besitzer eines 82er DeLorean (Sie wissen schon, Flux-Kompensator). Nicht weiter verwunderlich, dass auch sein Debütroman tief verwurzelt ist in der Popkultur seines Lieblingsjahrzehnts – obwohl die Handlung rund 60 Jahre später spielt.

Im Jahr 2044 haben Kriege, Terror, Naturkatastrophen und Wirtschaftskrisen die wirkliche Welt unwirtlich gemacht. Deshalb flüchten sich die Menschen mit ihren Avataren lieber in die OASIS, eine gigantische virtuelle Welt für Beruf, Schule und Freizeit. Erschaffen wurde sie einst vom zwischenzeitlich verstorbenen Multimilliardär James Halliday, eine Art Mischung aus George Lucas und Bill Gates. Der hatte in seine Schöpfung ein Easter Egg eingebaut, also einen geheimen Bereich, wie Software-Entwickler ihn gerne als kleines Schmankerl für besonders findige Nutzer in ihre Werke integrieren. Der Clou am Clou: Wer das Easter Egg findet, erbt Hallidays gesamtes Vermögen. Seit Jahr und Tag beißt sich daran die ganze OASIS-Bevölkerung die Zähne aus, bis der junge Tunichtgut Wade Watts den ersten handfesten Hinweis findet. Halliday war, wie Wade, ein 80er-Jahre-Freak, und der Weg zu seinem Vermögen führt durch allerlei Filmzitate, historische Computerspiele und Schweinerockmusik.

Als bekannt wird, dass Wade dem Geheimnis auf der Spur ist, heften sich die jetzigen Betreiber von Hallidays alter Firma an seine Fersen. Um an das Vermögen zu kommen, schrecken sie vor keiner Untat zurück, nicht in der virtuellen und nicht in der wirklichen Welt. Aber um Wade, seinen besten Freund Aech und die Star-Bloggerin Art3mis formiert sich eine kleine Gruppe von Rebellen, die dem bösen Imperium gegen alle Chancen ordentlich Widerstand leisten wollen. 

Glücklicherweise ist Ready Player One keines dieser „Hach, Nutella!“-Nostalgiebücher geworden, sondern ein strukturell, stilistisch und inhaltlich überzeugendes Science-Fiction-Heldenepos mit einem schlüssigen Weltentwurf, unterscheidbaren Figuren und einer Geschichte, die bei aller Anspielungsfreude ihre Spannung in erster Linie aus sich selbst bezieht. Cline macht das Abstrakte meisterhaft dinglich; man vergisst im Nu, dass viele (nicht alle) der Gefahren nur das virtuelle Leben gefährden, und dass statt mit Schwertern und Schusswaffen eher mit Tasten und Joysticks gekämpft wird (virtuellen Tasten und Joysticks, denn das Buch spielt oft mit dem Spiel im Spiel). Löblich ist auch, dass der Autor beim Durchdeklinieren des 80er-Jahre-Trivialwissens nicht nur Amerika im Kopf hat, sondern ebenso japanische Riesenmonster und britische Komödianten zu Ehren kommen. Will man überhaupt einen Makel an Ready Player One finden, dann ist es wohl der, dass Cline keine Möglichkeit seines Stoffes ungenutzt lassen will und damit manche verschenkt. Der Einfallsreichtum ist schlichtweg so groß, dass zwischen Weltraumoper, Fantasy-Abenteuer, Jugendromanze und orwellscher Arbeitswelt-Satire der eine oder andere Einfall zu kurz kommt. Einigen Nebenfiguren wünscht man etwas mehr Raum zur Entfaltung, manchmal wird etwas zu beiläufig über Leichen gegangen, einige Konzepte sind so erklärungsbedürftig, dass sich insbesondere in der Frühphase manch Passage wie eine (immerhin amüsante) Gebrauchsanleitung liest. Dabei verletzt das eines der obersten Nerd-Prinzipien: Gebrauchsanleitungen sind für Weicheier!

Wer aber fest in der Zielgruppe verankert ist, kann dies als Erbsenzählerei abtun und sich freuen an einer cleveren Variante der klassischen Geschichte vom ewigen Kampf zwischen coolen Underdogs und uncoolen Kapitalisten. Und wer mit John-Hughes-Filmen und Textadventures aufwachsen musste, wird sich auch das eine oder andere nostalgische Magenflattern nicht verkneifen können. Das ist vertretbar, weil es eben nicht das einzige ist, was Ready Player One zu einem zukünftigen Klassiker der Geek-Literatur macht, der fortan wie Per Anhalter durch die Galaxis oder Der Herr der Ringe von Geek-Generation zu Geek-Generation weitergereicht werden wird.

 -- ANe

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