Anne C. Voorhoeve im Interview
Kürzlich ist das neue Werk von Anne C. Voorheove Unterland erschienen. Die Autorin interessiert sich besonders dafür, jüngste Geschichte für ihre Leser erlebbar zu machen. In Lilly unter den Linden, Liverpool Street und Einundzwanzigster Juli setzt sie sich mit historischen Themen der Gegenwart auseinander.
Sie wurden im Jahr 1963 geboren und haben den 2. Weltkrieg nicht persönlich erlebt. Wie sind Sie vorgegangen, um sich von dieser Zeit ein möglichst realistisches Bild zu machen?
Zunächst einmal lese ich alles, was ich zu einem bestimmten Thema in die Finger bekomme. Es gibt eine Fülle von Fotos, Filmen und Tondokumenten, die helfen, ein Gefühl für die Atmosphäre der Zeit zu bekommen. Die meisten Handlungsorte haben Museen oder Archive, die man nutzen kann, und ganz wichtig: Noch gibt es Zeitzeugen, die damals ungefähr im selben Alter waren wie meine Hauptfiguren. Ich mache es am liebsten so, dass ich zuerst selbst recherchiere und schreibe und meiner Vorstellung freien Lauf lasse; erst dann bitte ich jemanden, das Manuskript zu lesen, zu kommentieren und ggf. zu berichtigen.
Sie erzählen Zeitgeschichte an Hand von Einzelschicksalen. Wie kam es zur Auswahl dieser Lebensgeschichten?
Vermutlich hängt das Finden meiner Geschichten stark damit zusammen, dass ich vom Drehbuch- zum Romanschreiben gekommen bin. Dann glaubt man an gewisse dramaturgische Regeln über Konflikt, Plot, Wendungen usw., kurz: das Erzeugen von Spannung, und springt auf bestimmte Geschichten einfach an. Und damit meine ich sowohl die zeitgeschichtlichen Episoden, aus denen ich Lust habe, „etwas zu machen“, als auch das, was ich als fiktives Einzelschicksal hinzuerfinde.
Kinder spielen in Ihren Romanen die Hauptrolle. Lässt sich auf diese Art Zeitgeschichte besonders gut transportieren?
Ich finde ja. Manche Ereignisse wirken durch die Unvoreingenommenheit und klare, ehrliche, zum Teil auch ehrlich überraschte Sicht einer jugendlichen Hauptfigur noch stärker. Andererseits hat man aber auch die Möglichkeit, schwere Themen mit einer gewissen Leichtigkeit und Ironie zu erzählen. Kinder haben Sinn für komische Alltagssituationen und bekommen es irgendwie immer wieder hin, trotz widriger Umstände ein halbwegs normales Leben zu bewahren.
Wie sehen Sie das Verhältnis zwischen Fakten und Fiktion in Ihren Büchern?
Die historischen Fakten, auf denen eine Geschichte aufbaut, müssen natürlich stimmen, ansonsten ist das Verhältnis ganz unterschiedlich. Lilly unter den Linden zum Beispiel ist komplett erfunden, die Odyssee der Familie Stauffenberg nach dem gescheiterten Hitler-Attentat („Einundzwanzigster Juli“) ist genau so passiert, auch wenn sie aus der Perspektive einer fiktiven Figur erzählt ist.
Eines Ihrer Bücher, Lilly unter den Linden, spielt in der DDR. Welchen Bezug haben Sie persönlich zur DDR?
Wenn ich eigene Erlebnisse der 70-er und 80-er Jahre beschreiben wollte, müsste die Handlung im Ruhrgebiet spielen, was zweifellos ein reizvolles Setting wäre. Aber bisher finde ich es interessanter, mich in Geschichten hineinzudenken, die ich nicht selbst erlebt habe. Zur DDR hatte ich gar keinen persönlichen Bezug, und gerade das machte es für mich spannend: ein neu zu entdeckendes Land!
Ihre Bücher sind jetzt auch für Kindle verfügbar. Lesen Sie selbst auch Bücher in elektronischer Form?
Ganz gern sogar, weil meine Augen nicht gut sind und man eine größere Schrift einstellen kann. Bislang lese ich keine deutschen E-Books, da ich in meiner Muttersprache Schnellleserin bin und es mich nervös macht, keine Doppelseite vor mir zu haben, aber englische Bücher lese ich fast nur noch elektronisch. Darf ich einen Tipp abgeben? Partitions von Amit Majmudar, ein atemberaubendes, poetisches, grausames, zutiefst menschliches Buch über die Teilung Indiens und Pakistans, war mein Kindle-Leseerlebnis des Jahres.
--FEd

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