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Ian McDonald: Cyberabad

Cyberabad

Indien ist ein großes Land mit vielen Menschen, das Autoren immer wieder zu dicken Büchern mit vielen Figuren ermutigt. Wer gegenüber modernen Klassikern wie Rohinton Mistrys A Fine Balance ebenso wenig Berührungsängste hat wie bei Abenteuerschmökern à la Shantaram, sollte schon mal Platz im Kalender freihalten für Ian McDonalds Cyberabad, dessen Ambitionen irgendwo dazwischen liegen.

Im Jahr 2047 ist Indien technisch erwartungsgemäß ganz vorne dabei, aber die Zustände vor Ort sind desolater denn je. Die Konflikte zwischen Arm und Reich, den Kasten, Geschlechtern, Regionen und Religionen haben sich noch verschärft. Dass nun auch noch ein neues Geschlecht (das geschlechtslose) und künstliche Intelligenzen auf ihre Rechte pochen, hat gerade noch gefehlt. Die Entdeckung eines seltsamen Artefaktes im Weltall, das offenbar seit Millionen von Jahren Bilder dreier momentan lebender Erdenmenschen gespeichert hat, verheißt ebenfalls nichts Gutes. Dass alles mit allem zusammenhängt, werden im Verlauf von 800 Seiten (in Papierweltterminologie gesprochen) die vielen Figuren des Romans erfahren, darunter ein opportunistischer Straßenschurke, ein strenger Polizist, eine energische Reporterin, ein geschlechtsloser Designer und ein mäßig begabter Bühnenkomiker, der unverhofft ein ominöses Technologieunternehmen erbt.

Cyberabad ist Science Fiction, aber man darf inzwischen auch „Spekulative Fiktion“ sagen, wenn einem Science Fiction zu schmutzig klingt. Obwohl hier von künstlicher Intelligenz und Teilchenphysik über Kampfroboter bis zu Signalen aus dem Weltall einiges an Genre-Standards aufgeboten wird, hält McDonald sich nicht lange mit pseudo-wissenschaftlichem Sermon auf, sondern erzählt vor reizvoller Asia-Snack-Neon-City-Kulisse acht zunächst autarke Geschichten, die von ihren starken Figuren getrieben werden, nicht von windigen Ideen. Man wird nicht jede dieser Figuren lieben, im Verlauf wird man seine Sympathien wahrscheinlich sogar mehrmals umverteilen, doch man kann sich keiner entziehen. Vom kleinen Gauner bis zum Staatsoberhaupt sind diese Charaktere so facettenreich wie die Welt, die McDonald eindrucksvoll und ohne unnötige Ausschweifungen beschreibt, und wie die Geschichte, die er darin erzählt. Mag die Geschichte auch als Sammlung einzelner Geschichten beginnen, so steuern diese doch recht schnell und zielstrebig aufeinander zu, vereinen sich nahtlos und kulminieren in einem funkelnden Feuerwerksfinale, in dem unter anderem eine wild gewordene Seifenoper die feindliche Übernahme der realen Realität versucht. Fragen Sie nicht, lesen Sie selbst.

-- ANe

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