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Kyung-Sook Shin: Als Mutter verschwand

Mutter

In Asien ein Bestseller, in den USA und im europäischen Ausland mit Kritikerlob und Preisen bedacht, herrscht in Deutschland äußerste Verschwiegenheit über die Veröffentlichung von Kyung-Sook Shins Roman Als Mutter verschwand. Das ist schade, denn es entgeht einem was, wenn einem dieses Buch entgeht.

Als Mutter aus ihrem entlegenen Dorf nach Seoul kommt, um ihre erwachsenen Kinder zu besuchen, verschwindet sie im Bahnhofsgedränge. Die Suche nach ihr wird erzählt von ihrer Tochter, dem erstgeborenen Sohn und dem Familienvater, schließlich kommt Mutter selbst zu Wort.

Doch es ist weniger ein Roman über die konkrete Suche nach einer vermissten Person, als die Geschichte über die Suche nach einer Persönlichkeit, die man vielleicht nie richtig gekannt hat. Stark komprimiert und ohne den üblichen ‚Blut-ist-dicker-als-Wasser‘-Schmalz wird hier eine Familiengeschichte erzählt, die nicht den Anspruch hegt eine Saga zu sein. Dabei ist ein sehr gefühlvolles, aber niemals sentimentales Buch entstanden. Ohne Wertung geht es um gegensätzliche Lebensentwürfe zwischen Stadt und Land, Mann und Frau, Jung und Alt. Man bekommt nicht nur Einblick in die Gefühlswelten und interfamiliären Beziehungen der Figuren, sondern auch in das südkoreanische Dorfleben vor demokratischen Reformen und Wirtschaftsboom sowie die kapitalistischen Verheißungen des modernen, urbanen Südkoreas und die Erwartungshaltungen an sich und andere, die damit einhergehen. So fremd einem manches in diesen Welten sein mag, letztlich sind Menschen überall bloß Menschen, und so kommt man beim Lesen auch unweigerlich zum Nachdenken übers eigene Selbst- und Mutter-Bild.

Geschrieben ist Als Mutter verschwand über weite Strecken in der zweiten Person. Ängstliche Leser müssen davor keine Angst haben, die Eingewöhnungszeit beträgt ungefähr zwei Sekunden. Dann entwickelt der Roman gerade durch seine ungewöhnliche, direkte Ansprache eine Verbindlichkeit, die zum Weiterlesen zwingt.

 -- ANe

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