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Salman Rushdie: Joseph Anton

JosephantonGriesgrämige Nicht-Leser werfen Salman Rushdie gerne vor, er verdanke seine Bekanntheit lediglich dem Theater um seinen Roman Die satanischen Verse, sein Ruhm sei also gar kein literarischer. Als Nicht-Leser wissen sie eben nicht, dass Rushdie vor dem unerwarteten Skandal bereits drei Romane und ein Sachbuch veröffentlicht hatte, darunter mindestens zwei veritable internationale Bestseller und Gewinner renommierter Preise. Wer heute mal wieder eine kleine Erinnerung braucht, dass Salman Rushdie eine verlässliche literarische Größe ist, sollte einen Blick in seine Autobiografie Joseph Anton riskieren.

Als der Ayatollah Khomeini am Valentinstag 1989 zur Ermordung des Autoren von Die satanischen Verse aufrief und Salman Rushdie verschwinden musste, wählte er den Tarnnamen Joseph Anton für sein neues Leben unter Polizeischutz, eine Verbindung von Joseph Conrad und Anton Tschechow. Das Buch erzählt in erster Linie von diesen Jahren in verschiedenen Verstecken, erfüllt aber dennoch die Kriterien einer vollwertigen Autobiografie. So erfährt man auch von Rushdies Kindheit in Indien und seiner Studienzeit in England, von seinem schwierigen Verhältnis zum alkoholkranken Vater und der duldsamen Mutter, seinen Anfängen als Werbetexter und ersten Gehversuchen als Schriftsteller. Dabei ist es erfrischend, dass er die Autobiografie eine Autobiografie sein lässt. „Liest sich wie ein Roman“, hört man häufig, wenn aufgeschriebene Lebensgeschichten gelobt werden sollen. Autobiografien und Biografien sind aber keine Romane. Joseph Anton liest sich gottlob nicht wie ein Roman.  Mal journalistisch, mal essayistisch, immer detailliert analytisch, selten anekdotisch und dialogisch wird von politischen, zwischenmenschlichen und spirituellen Konflikten erzählt. Rushdie scheut sich nicht, Verfehlungen anderer und seiner selbst zu benennen (in Sachen Vergebung tut er es sich bei den eigenen Verfehlungen leichter). Auch wenn hier einige Weggefährten wie Exfrauen und Schriftstellerkollegen nicht ungeschoren davonkommen, sind Rushdies Erinnerungen mehr von Liebe als von Zorn geprägt. Die umständliche Beziehungspflege zu seinem Sohn Zafar ist einer der roten Fäden der Erzählung und eine der ergreifendsten, am längsten nachstrahlenden Facetten des Buches.

An unterschiedlichsten Facetten ist Joseph Anton nicht arm. Trotz der Sachlichkeit des Textes sind einige Passagen von einer Thriller-artigen Spannung, an anderen Stellen kann man sich ein Kichern nicht verkneifen. Etwa bei dem missglückten Plan, der Autor solle sich mit einem Haarteil unerkannt unter die Leute mischen (Passant: „Da ist dieses Arschloch Rushdie mit Perücke.“). Interessant auch zu wissen, dass der Booker-, Booker-of-Bookers- und Best-of-Booker-Preisträger seine Karriere mit Werbespots für Klebeband begann (realisiert immerhin mit John Cleese). Am interessantesten aber sind wohl die genauen Einblicke in die Entstehung seiner Werke, von der ersten Ahnung bis zum Kampf um die Publikation. Man bekommt sofort Lust, jedes einzelne noch mal zu lesen, vielleicht neu zu erleben. Womöglich sogar Die satanischen Verse endlich mal zu beenden (Hand aufs Herz: wer hat das schon?).

Als Hintergrundrauschen kommt das weltweite Zeitgeschehen nicht zu kurz. So ist Joseph Anton nicht nur eine sehr persönliche Lebensgeschichte, sondern auch eine treffliche Zeitreise durch Politik und Pop der jüngeren Vergangenheit bis kurz vor Gegenwart.

Und wie steht es mit Rushdies oft kolportierter Eitelkeit? Schriftstellerei ist von Natur aus eitel; schließlich geht man davon aus, dass die eigenen Gedanken so relevant sind, dass sie aufgeschrieben und verbreitet gehören. Es stimmt: Joseph Anton merkt man es hin und wieder an, dass der Autor sich selbst ganz gut findet. Dieser Verstoß gegen das Bescheidenheitsdiktat aber ist eher sympathisch als unsympathisch, Rushdie ist gerade in seiner Eitelkeit mehr unprätentiös denn prätentiös. Prätentiös wäre er, stellte er sein Licht öffentlich unter den Scheffel und ginge zum Schulterklopfen in den Keller. Zu derlei Heimlichtuerei besteht keinerlei Anlass. Rushdie ist einer der Besten, und Joseph Anton ist eines seiner besten Bücher. Man hätte ihm dennoch gewünscht, dass er es nicht hätte schreiben müssen.

-- ANe

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