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Mo Yan: Frösche

FroescheDie Verleihung des Literaturnobelpreises 2012 an den chinesischen Schriftsteller Mo Yan sorgte erst für Überraschung (wieder kein Murakami/Roth/Dylan/Favorit XY), dann für leichtes Unwohlsein bis mittlere Empörung: Zu sehr sei seine Karriere von der Kommunistischen Partei Chinas begünstigt, zu wenig spreche er gegen das Unrecht in seinem Land, zuletzt sprach er sich sogar noch einigermaßen deutlich für Zensur aus.  

Die Kritik ist nicht ganz unberechtigt, nur leider ist sein Roman Frösche großartig.

Der Titel geht zurück auf den Gleichklang der chinesischen Worte für "Kinder" und "Frösche", und dabei ist man gleich beim Thema der Geschichte: Chinas Ein-Kind-Politik. Die Schlüsselfigur und roter Faden, wenn auch nicht Hauptfigur, ist die anfängliche Geburtshelferin Gugu, die zusehends zur gefürchteten Vollstreckerin von Zwangsabtreibungen wird. Sie ist ein Wendehals vor dem Herrn, hängt ihre Nase stets nach dem Pekinger Regierungswind, ist je nach politischem Zeitgeist überzeugte Kommunistin, Sozialistin, Kapitalistin. Reue zeigt sie erst in hohem Alter, die Sympathien des Lesers hat sie da längst verspielt.

Trotz der schrecklichen Gugu und ihrer schrecklichen Taten ist es ein großer Spaß, Frösche zu lesen. Als positiv geschwätziger Briefroman konzipiert, sprudelt die Erzählung geradezu über vor Mitteilungsdrang, berichtet atemlos vom Schicksal einer Dorfgemeinschaft über Jahrzehnte hinweg, von der Zeit, in der Kohle essen besser war als gar nichts essen, bis in die Smartphone-Gegenwart. Dabei hat man Anteil am Werdegang verschiedener Figuren, deren Schicksale mit dem Wirken Gugus verbunden sind. Sei es, dass sie von ihr auf die Welt gebracht wurden, oder dass ihre eigenen Kinder von ihr genommen wurden, oder beides.

Ein psychologischer Roman ist Frösche nicht, das muss er auch nicht sein. Warum eine Figur welche Wandlung durchmacht, so es überhaupt Wandlungen gibt, wird nicht thematisiert. Es ist ein Roman, in dem Ereignis auf Ereignis folgt, und so ein großes politisches und gesellschaftliches Panorama Chinas der jüngsten Vergangenheit gezeichnet wird anhand vermeintlich kleiner Schicksale. Das alles in einer Sprache, die selbst dem Grauen Schmöker-Qualitäten abringt, ohne es zu banalisieren.

Es bleibt legitim, wahrscheinlich sogar unbedingt notwendig, Mo Yans politische Rolle und seine öffentlichen Äußerungen kritisch zu hinterfragen. Allerdings: So suspekt einem der Mensch sein mag (das eitle Nachwort des Romans schafft kaum Abhilfe), so begnadet ist der Literat. Der Literaturnobelpreis zeichnet kein politisches Engagement aus, sondern ein literarisches Werk. Mo Yan hat ihn völlig zu Recht erhalten, Frösche ist der beste Beweis.

-- ANe 

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