Blogs at Amazon

Interview

Endlich komplett: Michael Bergmanns Teilacher-Trilogie

Kleefeld

Zum Erscheinen seines neuen eBooks Herr Klee und Herr Feld gab uns Autor Michel Bergmann ein exklusives Interview.

Bevor Sie anfingen Romane zu schreiben, haben Sie bereits erfolgreich als Drehbuchautor gearbeitet, u.a. für den Polizeiruf. Warum haben Sie das Genre gewechselt und begonnen, Romane zu schreiben?

Michael Bergmann: Es gab Drehbuchideen, zum Teil auch schon fertige Drehbücher, aus denen leider keine Filme geworden sind. So begann ich irgendwann aus diesen Stoffen Romane zu machen, in der Hoffnung, dass dieser Umweg letztlich doch wieder zu Filmen führt, was sich im Fall der Teilacher bewahrheitet hat.

Herr Klee und Herr Feld ist der dritte Teil Ihrer Familien-Saga um die Teilacher. Sind Ihre Romane auch jeder für sich zu lesen?

Michael Bergmann: Selbstverständlich. Jeder Roman ist eigenständig, es gibt keinerlei Verständnisprobleme, wenn man jeden für sich liest. Aber es schadet nicht, alle zu kennen.

Ihr aktueller Roman Herr Klee und Herr Feld erzählt das Leben der beiden alternden Brüder Moritz und Alfred Kleefeld, im heutigen Frankfurt. Die Teilacher beginnen 1946 und Machloikes spielt zum Großteil in den 50er Jahren. Warum haben Sie so einen großen Zeitsprung zwischen Band 2 und Band 3 gemacht?

Michael Bergmann: Es gibt einen simplen Grund. Die Jahre dazwischen sind m. E. literarisch erfasst und auserzählt. Mein neuer Roman, der 2012 spielt, beinhaltet zwar Rückblenden in die vergangenen 50 Jahre, aber ich wollte von heute erzählen. Von Problemen, Konflikten und Ereignissen, die uns heute beschäftigen und ich wollte über das Altwerden und das Jungsein in diesen Zeiten schreiben.

Ihre Geschichten sind voll Wärme für Ihre Figuren und voller Humor. Sind Ihre Figuren an Menschen aus ihrem persönlichen Umfeld angelehnt?

Michael Bergmann: Ja, es sind im weitesten Sinne Familiengeschichten und viele Figuren haben ihre Entsprechung in der Wirklichkeit.

Haben Sie eine Lieblingsfigur? Wenn ja, warum?

Michael Bergmann: Onkel David. David Bermann aus dem ersten Buch. Er ist ein Optimist, selbst in den misslichsten Lagen, er ist immer positiv, auch wenn es keine Gründe dafür gibt, er ist ein Mensch, der das Leben und sich nicht allzu ernst nimmt und darum ein wahrer Überlebenskünstler.

Stimmt es, dass Die Teilacher verfilmt werden? Können Sie schon verraten, wer die Hauptrollen spielt oder wann wir den Film sehen können?

Michael Bergmann: Ich mische mich nie in das Casting ein, Autoren werden nicht ernst genommen. Soweit bekannt, sind es Moritz Bleibtreu und Alexandra Maria Lara, die die Hauptrollen spielen werden. Regie führt Sam Garbarski, ein Belgier, der den Welterfolg Irina Palm gemacht hat. Der Dreh soll im Winter 2013 stattfinden.

Planen Sie auch Filme von Band 2 und 3?

Ich wünsche es mir, dass sich Produzenten finden, die die Stoffe verfilmen wollen. Es gibt Anfragen. Auch für ein Theaterstück mit Motiven aus Machloikes, Teil 2.

--ABi

Autor des Monats März: Chris Carter

TotenkuenstlerAm 8. März 2013 erscheint Chris Carters neuer Thriller Totenkünstler. Wir haben uns mit dem Autor über das Schreiben und andere Dinge unterhalten.

Wann und warum haben Sie angefangen zu schreiben?

Chris Carter: Ich bin eines Tages aufgewacht und hatte eine total verrückte Geschichte im Kopf. Meine Freundin mochte sie und sagte: "Ich glaube, du solltest sie aufschreiben."
Später am selben Tag beschloss ich, mich tatsächlich hinzusetzen und zumindest das erste Kapitel zu schreiben. Ich wollte sehen, ob die Geschichte überhaupt funktioniert. Das Komische war: Es war kein Krimi oder Thriller. Ich hatte immer gedacht, wenn ich etwas schreibe, dann Spannungsromane. Schließlich bin ich Kriminalpsychologe und habe viel für die Polizei gearbeitet. Also saß ich da und schrieb eine Geschichte, die nichts mit einem Spannungsroman zu tun hat. Das war komisch. Ich habe dann beschlossen, einfach zwei Kapitel zu schreiben: Eins für den Roman und eins für einen Kriminalroman. Am Ende wollte ich sie vergleichen und entscheiden, welches besser ist.
Zwei Tage später war ich fertig. Ich gab meiner Freundin beide Kapitel und fragte sie nach ihrer Meinung. Obwohl sie kein Krimi-Fan ist, fand sie dieses Kapitel besser und ermutigte mich, weiter zu schreiben. Ich tat es und heraus kam mein erster Thriller Der Kruzifix-Killer.

Wo schreiben Sie am liebsten?

Chris Carter: Ich schreibe eigentlich überall. Ich brauche nicht viel Platz, nur einen Tisch, einen Stuhl und einen Computer – und schon kann es losgehen. Ich habe das Glück, vom Schreiben leben zu können und arbeite immer zuhause, in meinem kleinen Apartment in einer ruhigen Gegend von London.

Wer ist Ihr persönlicher Lieblingsautor/welches Ihr Lieblingsbuch?

Chris Carter: Eine schwer zu beantwortende Frage… Ich schätze Frederick Forsyth und Ken Follett sehr. Sie wissen, wie man Leser mit Geschichten fesselt. Lieblingsbücher habe ich viele, wenn ich fünf nennen müsste wären es: Kind 44 von Tom Rob Smith, Der Schakal von Frederick Forsyth, Morgen Kinder wird’s was geben von James Patterson, Und dann gab’s keines mehr von Agatha Christie und Das Schweigen der Lämmer von Thomas Harris.

Was tun Sie am liebsten, wenn Sie nicht gerade schreiben?

Chris Carter: Ich war früher professioneller Gitarrist. Ich spiele immer noch gerne; nicht in einer Band, einfach zuhause. Ich lese außerdem sehr gerne und laufe eigentlich immer mit einem Buch unterm Arm durch die Gegend – ich lese, wann immer ich kann.

--ABi

Freiwillig Fräulein: Interview mit der Autorin

FräuleinSie sagen, dass der Hauptcharakter in Freiwillig Fräulein - Emma Bailey – auf Ihrem eigenen Leben basiert. Wie viel von Ihnen ist in dem Charakter und wie viel ist reine Fiktion?

Jamie Lynn Braziel: Emmas Charakter ist hauptsächlich reine Fiktion. In vielerlei Hinsicht habe ich sie als eine Frau dargestellt, die ich selber gerne wäre. Sie ist so viel einfühlsamer, feurig, abenteuerlustig und offen. Als ich aufwuchs, war ich immer das Mädchen mit der Nase in einem Buch. Und bezüglich Jungs wurde ich immer schmerzhaft schüchtern bei denen die ich besonders mochte. Emma ist da total anders und ich strebe danach, so kühn zu sein wie sie.

Sogar in unserer modernen Welt gibt es immer noch Druck auf Leute in ihren 30ern zu heiraten und sich niederzulassen. Glauben Sie das kommt von der Gesellschaft, von anderen Frauen in der gleichen Situation oder von innen?

Jamie Lynn Braziel: Ich denke die Gesellschaft spielt eine entscheidende Rolle und der Druck beginnt schon sehr früh. Als Mädchen wird uns immer das Märchen von Prinzessin trifft Prinzen verkauft, die sich ineinander verlieben, heiraten und für immer glücklich miteinander leben. Dann werden wir durch die Gesellschaft, Familie und Freunde dazu erzogen, das Dating-Ritual zu starten. Zu meiner Zeit war das so um die 16 rum. Plötzlich gibt’s einen Haufen 16-jähriger Mädchen, deren Selbstbewusstsein davon abhängt, ob ein Junge sie nach einem Date fragt. Das ist der Punkt, wo der Druck beginnt. Für die Mädchen, die gefragt werden, fällt die Märchen-Augenbinde schnell ab und sie sehen sich der Realität von Liebe und Heirat gegenüber. Es ist nicht immer "glücklich bis an ihr Lebensende", und wenn es so ist, dann bedarf das harter Arbeit, dass es so ist.

Emma ist ziemlich glücklich mit ihrem Leben als Buchladenbesitzerin, Ihr täglicher Job ist die Buchhaltung. Haben Sie jemals darüber nachgedacht, einen Buchladen zu eröffnen? Was inspirierte Sie dazu, diesen Karriereweg für Emma zu schreiben?

Jamie Lynn Braziel: Irgendwas mit Büchern zu machen, davon habe ich schon immer geträumt. Tatsächlich wollte ich als Mädchen mal Bibliothekarin werden, es ging sogar so weit, dass ich eine kleine Leihbücherei mit meiner kleinen Buchsammlung startete – für Freunde und Familie. So lange bis ich feststellte, dass nicht jeder Bücher so verehrt wie ich. Schnell schloss ich die Bibliothek als meine Bücher mit Eselsohren, Wasserflecken auf dem Cover und schlimmer zurück kamen. Einen Buchladen zu eröffnen, ist der ultimative Traum eines Buchliebhabers, aber es ist auch ein schwieriges Geschäft in dieser Zeit. So kann Emma meinen Traum in ihrem Leben leben, während ich in meinem mit Zahlen jongliere, Rechnungen etc. Die Buchladenidee spricht meine kreative Seite an, die Buchhaltersache mein Bedürfnis nach Ordnung und klaren Antworten.

Sie sind eine große Sammlerin von Nancy Drew-Romanen. Wann haben Sie angefangen zu sammeln und wie groß ist Ihre Sammlung nun? Irgendwelche Lieblingstitel?

Jamie Lynn Braziel: Ja das bin ich! Als ich im Alter von acht Jahren meinen allerersten Büchereiausweis erhielt – den ich immer noch habe – war das erste Buch, das ich testete ein Nancy-Drew–Detektivroman. Ich war gefesselt. Mein Großvater gab jedem seiner Enkel fünf Dollar im Monat und ich gab meine für Nancy-Drew-Bücher aus. Meine Kollektion hat nun über 400 Bücher und wächst weiter. Mein Favorit werden immer The Nancy Drew Files sein.

Was kommt bei Ihnen als Nächstes? Andere Romane oder Schreibprojekte, an denen Sie arbeiten und von denen Sie uns erzählen möchten?

Jamie Lynn Braziel: Zunächst schließe ich nun gerade endlich mein Masterstudium für Rechnungswesen ab, nach fast sechs langen Jahren. Dann gebe ich meinem Gehirn eine verdiente Pause und versuche den ganzen Schlaf aufzuholen, den ich versäumt habe. Da meine Arbeit zuhause mir nicht viel Zeit zum Lesen ließ, habe ich nun eine lange Liste von Büchern auf meinem Kindle, die darauf warten, von mir gelesen zu werden. Sobald ich mich erholt habe, werde ich die Geschichten zu Papier bringen, die in meinem Hinterkopf schlummern und werde eine wunderschönen zweiten Roman erfinden. Hoffentlich. Als kleiner Appetithappen – es wird wohl was mit dem sogenannten Märchen zu tun habe, von dem ich vorhin gesprochen habe.

Freiwillig Fräulein erhalten Sie bis zum 17. Februar 2013 für 99 Cent.

--VHe

Alison Wonderland: Interview mit der Autorin

Alison

Der clevere Titel des Buches hat einen direkten Bezug zu Lewis Carrolls Roman Alice im Wunderland. Wie hat dieses Buch mit seinem speziellen Genre von schlauem, literarischen "Blödsinn" Ihr Schreiben beeinflusst?

Helen Smith: Als Kind verehrte ich Alice im Wunderland. Ich liebte die cleveren Wortspiele, die absurden Situationen und die merkwürdigen Charaktere – nicht alle von ihnen sympathisch.

Ich muss jedoch alle Lewis-Carroll-Fans warnen, dass der Bezug zu seinem Werk in meinem Buch mit dem Titel beginnt und endet. Ich habe keinen Zweifel daran, dass mich alles, was ich jemals gelesen habe, beeinflusst hat, inklusive seines Buches. Ich schätze mich glücklich, dass ich eine enorme Menge gelesen habe als ich jünger war.

Das Buch Alison Wonderland wurde gelobt für die einzigartigen Charaktere. Sind Sie mit einem speziellen Protagonisten besonders verbunden und was war Ihre Inspiration für sie oder ihn?

Helen Smith: Ich mag alle Charaktere, sogar die Bösen, aber Alison liegt mir am meisten am Herzen. Sie denkt, dass sie alle anderen gut versteht, aber sie hat nicht besonders viel Kenntnis über ihre eigene Situation. Sie hat Fehler aber ist lustig – eine mürrischere Version von mir.

Die Idee von genetisch veränderter Nahrung ist etwas beängstigend und war viel in den Nachrichten. Wie kamen Sie dazu, dieses Konzept als Hintergrundhandlung zu wählen?

Helen Smith: Die meisten meiner Charaktere sind auf irgendeiner Mission. Ich bin beeindruckt von Leuten, die sich für etwas einsetzen. Es weckte mein Interesse, als ich von jungen Leuten gelesen habe, die gegen genetisch verändertes Gemüse protestierten. Viele von uns sorgen sich um den Umgang mit Menschen und Tieren, doch Gemüse gehört nicht gerade zu den ersten Dingen, an die man denken würde, um sich dafür einzusetzen. Es gibt ein gutes Argument für genetisch modifizierte Ernten, wenn wir dadurch resistenter gegenüber Krankheiten werden und Menschen in den Entwicklungsländern helfen, Hungersnöte zu bekämpfen. Aber es ist auch wahr, dass wir die Vorteile der Wissenschaft zu leichtfertig einsetzen, ohne an die Konsequenzen zu denken. Ich liebe die Leidenschaft und den Einsatz von Öko-Kämpfern, die sich Gehör verschaffen.

Taron beeinflusst Alisons Handlungen ziemlich stark und bringt ihre abenteuerliche Seite zum Vorschein. Gibt es jemanden in Ihrem Leben mit dem Sie Abenteuer erlebt haben?

Helen Smith: Ich bin mit meiner Tochter auf der ganzen Welt umhergereist, als sie klein war und ich bin in der glücklichen Lage, einige sehr gute Freunde zu haben, die mit mir durch dick und dünn gegangen sind über die Jahre – aber es gab niemanden wie Taron. Wenn es da draußen jemanden gibt wie sie, ich hätte nichts gegen eine Bekanntschaft.

Sie sind weit gereist, aber der Roman spielt in London und Weymouth. Warum haben Sie diese Orte gewählt?

Helen Smith: Ich lebe in London und liebe es. Ich wollte, dass die Stadt fast wie ein eigener Charakter im Buch fungiert, und ich wollte den Lesern einige Sehenswürdigkeiten näher bringen, die sie vermutlich noch nicht so kennen, wie die Friedenspagode im Battersea Park und die exzentrischen kleinen Gässchen in Brixton, wo der Zugang zu Mrs. Fitzgeralds Detektivbüro ist. Ich verbrachte meine Teenagerjahre in der Nähe von Weymouth und meine Eltern leben dort immer noch. Deshalb wollte ich einige dieser Orte nutzen: den Riesen von Cerne Abbas zum Beispiel.

Alisons Kontakt zum Baby, Phoebe, scheint Alison sehr zu berühren. Wie hat das Single-Mutter-Leben Ihr Schreiben beeinflusst?

Helen Smith: Ein Satz im Buch beschreibt meine Erfahrung als Elternteil: "Mir ist vorher nie aufgefallen, dass man jemanden, um den man sich kümmert, mehr liebt als jemanden, der sich um einen kümmert". Ich bekam meine Tochter als ich sehr jung war und es war die merkwürdigste und immer noch die beste Sache, die mir je passiert ist. Die Einblicke und Weisheit, die ich erhielt und mein Sinn für das Wunder eines Kindes, das in mein Leben trat, das aber immer gewollt und heftig geliebt wurde – durchdringt mein Schreiben.

Gibt es noch etwas, das der Leser wissen sollte? Gibt es wirklich Tunnel unter der Themse?

Helen Smith: Ich habe mit einem Theaterproduzenten zusammen gearbeitet, um die besten Schauplätze zu finden, und wir haben Orte im Untergrund gefunden. Es gibt Schutzbunker aus dem Zweiten Weltkrieg, die in einen Archiv-Lagerraum umfunktioniert wurden, alte U-Bahn-Stationen, Fußgänger- und Zugtunnel, die immer noch in Benutzung sind unterhalb der Themse und ein königliches Postsystem kreuz und quer unterhalb Londons, das kürzlich außer Betrieb gesetzt wurde. Aber ich glaube nicht, dass einer dieser Tunnel für den gleichen Zweck wie im Buch genutzt wird. Zumindest hoffe ich das nicht!

Bis zum 17. Februar erhalten Sie Alison Wonderland für 99 Cent.

--VHe

Interview mit Cay Rademacher zu "Der Trümmermörder"

RADEMACHER_CAY_G_webWir haben Cay Rademacher, Autor von Der Trümmermörder, einige Fragen gestellt:

Ihre Kriminalromane um Oberinspektor Frank Stave spielen im Hamburg der Nachkriegszeit. Wie kamen Sie zu diesem Setting, und was ist gerade das Faszinierende an der Zeit nach der „Stunde Null“?

Ort und Zeit des Romans sind ursprünglich ein journalistischer Beifang gewesen: Ich lebe in Hamburg und habe für Geo-Epoche einen Beitrag über das Alltagsleben im zertrümmerten Nachkriegs-Hamburg schreiben müssen. Dabei bin ich auf die ebenso erschreckenden wie interessanten Umstände gestoßen, unter denen Zehntausende nach dem – heute viel bekannteren – Schrecken der Bombennächte weiterleben mussten. Die Nachkriegszeit ist außerdem "Gründerzeit": Zwischen 1945 und 1949, vor der eigentlichen politischen Gründung der Bundesrepublik (und der DDR), sind die Fundamente unseres heutigen Lebens gelegt worden. Die modernen Medien sind dort entstanden, vom Wochenmagazin über den Taschenbuchverlag bis hin zu NDR und WDR. Viele Firmen erlebten damals ihren (Neu-)Start. Und selbst unser ganz gewöhnliches Alltagsleben, vom Essen bis zu unseren Freizeitvergnügungen, wurde dort in weiten Teilen erst erfunden. Das allerdings unter heute kaum noch vorstellbaren Bedingungen: Die Menschen hausten in Verschlägen, die sie in einsturzgefährdeten Ruinen zimmerten, in ehemaligen Bunkern, in Baracken aus Blech. Sie hungerten, manche verhungerten, sie froren, sie erlagen Seuchen wie dem Typhus – mitten in Hamburg, mitten im 20. Jahrhundert. Trümmermörder

Dem Roman Der Trümmermörder liegt ein wahrer Fall zugrunde. Wie sind Sie auf die Serienmorde gestoßen? Welche Herausforderungen stecken darin, tatsächliche historische Ereignisse fiktiv weiterzuentwickeln? 

Für den oben erwähnten Artikel habe ich auch in alten Fällen der Hamburger Kriminalpolizei recherchiert. Dabei bin ich auf den Trümmermörder gestoßen – so nannte man einen unbekannten Mörder damals tatsächlich, der vier Menschen im Winter 1947 erwürgt hatte. Faszinierend, aber eben auch problematisch war, dass dieser Verbrecher niemals überführt, dass diese Fälle nie aufgeklärt worden sind. Für dieses authentische Verbrechen nun in der Romanhandlung eine glaubwürdige, fiktive Auflösung anzubieten, das war die Herausforderung.

Im Roman wird Hamburg von einem der kältesten Winter des Jahrhunderts heimgesucht, die Menschen mussten nicht nur unter den Folgen des Krieges leiden, sondern auch unter zahlreichen durch das Wetter bedingte Entbehrungen. Wie haben sich diese Umstände auf die Polizeiarbeit ausgewirkt?

Auch für die Polizisten war es beinahe eine "Stunde Null": Sie hatten nur sehr wenige Autos, das Benzin war rationiert – die "Krimsches" sind für ihre Ermittlungen also oft zu Fuß unterwegs gewesen oder haben eine jener wenigen Straßenbahnen genommen, die damals schon wieder fuhren. Es gab bei der Kripo nur einen Spurensicherer (der zugleich Fotograf war), nur wenige Telefonleitungen, viele Akten waren verbrannt – kurz: Während ihrer regulären 56-Stunden-Woche mussten die Beamten permanent improvisieren.

Oberinspektor Stave ist nicht nur beruflich vor Rätsel gestellt, auch privat hat er einiges wegzustecken. Was ist Frank Stave eigentlich für ein Typ?

Oberinspektor Stave hat seine Frau in den Bombenangriffen verloren, sein kaum erwachsener Sohn ist an der Ostfront verschollen, er selbst war kein Nazi, hat aber im "Dritten Reich" auch keinen Widerstand geleistet, wofür er sich nun schämt – er ist also mehrfach traumatisiert, ist schweigsam, wird von seinen eigenen Dämonen geplagt. Und, auch das ist zeittypisch, er redet darüber nicht. Ein Mann, der sein eigenes Leben ebenso mühsam aus den Trümmern wieder aufbauen muss, wie seine Stadt wieder aufgebaut wird. Der_Schieber

Die Fortsetzung von Der Tümmermörder, der Kriminalroman Der Schieber, ist auch schon erschienen. Der Roman führt die Leser in den Frühling 1947, und diesmal leidet Hamburg und quälender Hitze – auch dies eine historische Tatsache. Die Spuren führen unseren Ermittler in die Welt der sogenannten „Wolfskinder“. Was sind das für Kinder? Und können Sie den Lesern einen kleinen Ausblick geben, was sie im Schieber erwarten wird?

In Hamburg versteckten sich nach dem Krieg mehr als 1000 elternlose Kinder – Kinder, die ihre Familien in den Angriffen verloren hatten oder Flüchtlinge, die auf dem Weg aus dem Osten zu Waisen geworden waren. Sie schlugen sich, wortwörtlich, mit Diebstählen und Schlimmerem durch die Stadt. "Wolfskinder" nannte man jene, die, oft noch sehr jung, im Osten ihre Eltern verloren hatten und dort zunächst in den Wäldern in geradezu archaischer Weise lebten; manchen gelang schließlich die Flucht in den Westen – und sie landeten auch in Hamburg, das ja nicht weit von der "Zonengrenze" entfernt lag. Im Schieber geht es – auch – um Verbrechen im Milieu dieser Kinder, die heute zu den größtenteils vergessenen Opfern des Krieges zählen.

-- HBa

Oliver Pötzsch: Die Henkerstochter jetzt auch auf Englisch

Beggar King

Zum Erscheinen von The Beggar King lässt uns Oliver Pötzsch hinter die Kulissen seines Werks schauen.

The Beggar King ist anders als die vorherigen Bücher der Serie, denn der Henker steht selbst vor Gericht. Was hat Sie zu dieser Geschichte inspiriert und warum haben Sie Jakob dieses Mal einer Gefahr ausgesetzt?

Oliver Pötzsch: Jeder Roman braucht eine starke Anfangsidee. In diesem Fall fragte mich ein Freund: „Was passiert eigentlich, wenn ein Henker selber gefoltert und hingerichtet werden soll? Wer macht das dann?“ Das war der Funken, den ich brauchte. Alles andere resultierte aus dieser ersten Idee. Im Übrigen war es durchaus nicht selten, dass ein Henker selber auf dem Schafott landete. Für den ehrgeizigen Nachfolger war das die beste Methode, sich gleich mal zu beweisen.

In The Beggar treten vielseitige Charaktere auf. Wie viel davon ist historisch inspiriert und wie viel haben Sie erfunden?

Oliver Pötzsch: Bettlerbanden gab es in der frühen Neuzeit in jeder größeren Stadt, gelegentlich werden in den Chroniken auch deren Anführer genannt. "Nathan den Weisen", das Oberhaupt der Regensburger Bettler, habe ich allerdings erfunden. Die unterirdischen Katakomben, in denen die Bande haust, gibt es jedoch wirklich. Wer sie besucht, erlebt einen vertikalen Querschnitt durch die Regensburger Geschichte: von den Römern über das jüdische Ghetto im Mittelalter bis hin zu den Bunkern des Zweiten Weltkriegs.

In diesem Buch entwickelt sich die Beziehung zwischen Simon und Magdalene weiter. Sie kämpfen gegen Widerstände, um zusammen sein zu können. Hätte dieses Paar im realen Bayern des 17. Jahrhunderts eine Chance gehabt?

Oliver Pötzsch: Ehrlich gesagt, wäre es sehr schwer für die beiden gewesen. Ich wollte aber unbedingt, dass Simons und Magdalenas Liebe eine Chance hat. Also habe ich den Schluss des Beggar King dementsprechend gestaltet, dass die zwei vielleicht eine Zukunft als Paar haben. Schließlich fragen mich vor allem meine Leserinnen immer wieder, ob es irgendwann auch kleine Kuisl-Kinder geben wird …

Ihre Serie zeichnet sich durch historische Detailkenntnis aus. Wenn Sie eine Woche lang im 17. Jahrhundert leben könnten, was würden Sie am liebsten tun oder sehen? Was wären die Vor- und Nachteile eines Lebens in dieser Zeit?

Oliver Pötzsch: Oh, Gott, ich möchte über diese Zeiten schreiben, aber sicher nicht in ihnen leben! Nicht mal eine Woche lang! Kein Licht nach Sonnenuntergang, der Dreck knöcheltief in den Straßen und eine eitrige Zahnwurzelentzündung ist praktisch das Todesurteil – was soll ich dort? Wenn es irgendetwas gibt, was ich an dieser Zeit schätze, ist das höchstens ihre, sagen wir, Direktheit. Wenn Sie täglich ums Überleben kämpfen, machen Sie sich keine Gedanken über den Sinn des Lebens, Ihren Body-Mass-Index oder Ihr nächstes Work-Lifetime-Balance-Fitness-Programm. Ein wenig davon könnte uns auch heute guttun.

--SMi

 

 

Geronimo Stilton im Interview

WeihnachtenVor kurzem ist in Deutschland die internationale Kinderserie Geronimo Stilton erschienen. Der Mäuserich Geronimo ist darin dem Geheimnis des grünen Smaragden auf der Spur, enttarnt seinen Doppelgänger und freut sich auf Weihnachten. Lernen Sie die Hauptfigur dieser beliebten Serie in unserem Interview näher kennen.

Wer sind Sie?

Mein Name ist Stilton, Geronimo Stilton. Ich bin der Verleger der "Neuen Nager Nachrichten", der Mäusezeitung in Mausilia, und schreibe Berichte über alles, was in der Stadt passiert. Nebenbei schreibe ich auch Bücher über all die Abenteuer, die ich auf Mausilia erlebe. Meine Bücher sind internationale Bestseller und verkaufen sich wie warmer Käse. Seit Mai gibt’s sie endlich auch in Deutschland.

Sie sind nicht nur Autor, sondern Verleger der "Neuen Nager-Nachrichten". Wie sieht ein typischer Tag im Leben des Geronimo Stilton aus?

Jeder Tag ist anders. Bei uns in der Redaktion ist immer etwas los. Und ich werde ständig in neue fellsträubende Abenteuer verwickelt. Erst vor kurzem habe ich mit meiner Schwester Thea ein Phantom in der U-Bahn gejagt. Selbst in den Ferien geht’s bei mir nicht ruhig zu. Letztes Jahr habe ich einen Doppelgänger entlarvt, der mir das Leben schwer gemacht hat. Dabei würde ich manchmal gern einfach nur in meinem Ohrensessel sitzen, an einer Käserinde knabbern und ein Buch lesen. Thea, meine Schwester und die rasende Reporterin, ist gerade an einer heißen Story dran. Aber die ist noch geheim. Dazu darf ich noch nichts erzählen. Und seit einigen Wochen bin ich in Deutschland auf Lese-Tour. Grundgütiger Gouda, was für ein Spaß! Endlich kann ich auch meinen deutschen Fans die Pfote schütteln und ihnen von meinem Leben auf Mausilia erzählen.

In Ihre Büchern beschreiben Sie all die kleinen und großen Abenteuer, die Sie erlebt haben. Was war Ihr letztes großes Abenteuer?

Ach du heiliger Dreikäsehoch! Das war Halloween. Meine Schwester Thea wollte, dass ich ein Buch über Halloween schreiben sollte. Dabei bin ich doch so eine fürchterliche Angstmaus. Als mich mein Lieblingsneffe Benjamin für die Recherche auf den Friedhof schleppte, schlotterten mir ganz schön die Knie. Auf dem Friedhof begegneten wir Grusella von Kirchpelz, einer äußerst gruseligen Maus, die – uuaaagh! – versuchte, mich in ihren Sarg einzuschließen. Ich fraß vor Angst fast meine Barthaare. Und das war erst der Anfang!

Was essen Sie am liebsten?

Käse, Käse und Käse. Den esse und rieche ich sooo gerne. Zu Hause in Mausilia habe ich einen dreihundert Jahre alten Käse. Der ist einfach nur köstlich. Mhhh.

Sind Sie ein Frühaufsteher?

Ich bin eine Langschlafmaus, die gerne nach Sonnenaufgang langsam in den Tag startet. Ich wähle sorgfältig aus, was ich anziehen möchte und genieße dann ein herzhaftes, entspanntes Frühstück, bevor ich zur Arbeit gehe. Mausgütiger Mozzarella, jetzt muss ich aber los zur Redaktionssitzung!

--ABi

Albae-Autor Markus Heitz hat ein Herz für Nebencharaktere

Heitz Thron©Foto by Bernd Schuhmacher, www.anhur.de

Markus Heitz feierte mit Die Legenden der Albae einen großen Erfolg. Nun beleucht er die Nebendarsteller in monatlich erscheinenden Kurzgeschichten. Heitz sagt zu seiner Motivation:

Nebencharaktere haben ein schweres Los: Sie müssen die Helden und Schurken glänzen lassen, bevor sie selbst zurück in die Bedeutungslosigkeit oder gar in den Tod sinken.

Aber es gibt viele solcher Figuren, die durchaus Besseres verdient hätten!

Weil sie spannend sind, weil sie eigene Hintergründe haben, weil der Leserschaft auf wenigen Seiten ans Herz gewachsen sind.

Und es gibt Aspekte in einem Roman, die aufgrund der Erzählstruktur der Hauptgeschichte zu kurz kommen, sonst würde es schlicht den Rahmen des Buchs sprengen.

Dank des eBooks ist es heute für einen Autor ein Leichtes, rückwirkend Einzelschicksale zu beleuchten und Ereignisse aus einem Roman aufzugreifen und mit anderen Perspektiven zu erzählen, ohne jedes Mal Druckmaschinen anwerfen zu müssen. Elektronik sei Dank, was aber nicht bedeutet, dass man später aus allen Geschichten kein Buch macht. Ganz im Gegenteil.

Mir war schnell klar, dass ich eine solche Kurzgeschichtensammlung zu den Albae-Romanen verfassen möchte, Zug um Zug.

Als ich dem Piper Verlag von meiner IAlbaedee berichtete, Monat für Monat eine Kurzgeschichte zu veröffentlichen, um den Lesern durchgängig Lesestoff zu liefern, rannte ich offene Türen ein. Der Verlag und ich wussten: Das eBook bietet sich gerade für diese Form der Darreichung geradezu an. Was früher in Zeitungen und Zeitschriften gang und gäbe war, kehrt heute in neuem Gewand zurück.

Und ich bin sehr gespannt auf die Resonanz.

Markus Heitz, Winter 2012

--ABi

Foto: Markus Heitz, Copyright: Bernd Schumacher/www.amthur.de

 

Die Bucht des grünen Mondes aktuell für nur 3,99 EUR

BuchtIsabel Betos Roman Die Bucht des grünen Mondes ist bis zum 26. Dezember 2012 für nur 3,99 EUR erhältlich.
Die Autorin gab uns aus diesem Anlass ein exklusives Interview zu ihrem Buch.

Worum geht es in Ihrem Roman?

Isabel Beto: Amely, die Hauptfigur meines Romans, ist eine behütete „höhere Tochter“, die bisher vom Leben verwöhnt wurde. Doch von einem Tag auf den anderen wird ihre heile Welt auf den Kopf gestellt und Amely in die raue Wirklichkeit gestoßen: Sie teilt das Schicksal vieler junger Frauen Ende des 19. Jahrhunderts und muss einen deutlich älteren, ihr unbekannten Mann heiraten. Ihr Zukünftiger ist ein Geschäftspartner ihres Vaters und lebt in einer Welt, die Amely völlig fremd ist: Südamerika. Einer Welt mit anderen Menschen, anderem Klima, anderen Sitten und Moralvorstellungen. Daran zerbricht Amely fast. Aber dann lernt sie Aymáho kennen, einen wilden Ureinwohner mit einem unfasslichen Geheimnis. Und daran zerbricht sie nicht, daran wächst sie …

Amely Wittstock ist die Protagonistin Ihres Romans und behütete Fabrikantentochter. Was wird die größte Herausforderung für Sie?

Isabel Beto: Amely trifft die harte, selbstlose Entscheidung, ihr eigenes Lebensglück aufzugeben, um den Menschen, die ihr am Herzen liegen, zu helfen – ohne zu wissen, ob diese Hilfe je ankommen wird.

Was verbindet Sie mit Südamerika bzw. dem Amazonasgebiet?

Isabel Beto: Mich hat schon immer die besondere Geschichte und ebenso die besondere Geografie des Kontinents fasziniert. Als ich dann durch Zufall auf die Geschichte der Stadt Manaus und der Kautschukbarone gestoßen bin, wusste ich sofort, daraus muss ein farbenprächtiger Roman werden!

Ihr Roman spielt in der Vergangenheit. Inwieweit gibt es Bezüge zur heutigen Zeit aus Ihrer Sicht?

Isabel Beto: Die Beute-Mentalität der Menschen hat sich ja nicht geändert, und man könnte, wenn man das Buch liest, tatsächlich meinen, der Raubbau an der Natur und über die Köpfe der Naturvölker hinweg habe damals seinen Anfang genommen. In Wahrheit fing es natürlich schon früher an, aber der Kautschuk war der erste Rohstoff, der in großem Stil geerntet wurde. Die heutigen Dimensionen der Abholzung sind natürlich noch einmal ganz andere. Es gibt zwar heute ein anderes Bewusstsein, was die Folgen des Raubbaus angeht, allerdings offenbar nicht bei denen, die es tun.

Sie waren Malerin, bevor Sie anfingen zu schreiben. Wie sind Sie zum Schreiben gekommen? Beeinflusst die Malerei Ihr Schreiben?

Isabel Beto: Ich habe seit jeher gern Geschichten gesponnen. Statt sie aufzuschreiben, habe ich sie illustriert. Irgendwann bin ich dann dem Verdacht nachgegangen, ihnen auch schreibend Gestalt geben zu können, und habe festgestellt: Ja, das kann ich, und es macht sogar noch mehr Freude. Beobachtungsgabe und Lust am Schwelgen sind sicher dem Schreiben wie dem Malen zu eigen. Einen Roman im Amazonasgebiet anzusiedeln, kam der Freude an den Farben natürlich ganz besonders entgegen.

--ABi

Entdeckt! Interview mit der Kandidatin Jasna Mittler

ErsteLiebeDer Amazon Autoren-Preis zielt darauf ab, neue Talente aus dem deutschsprachigen Raum zu präsentieren und zu fördern. Für den Preis im Winter ist Jasna Mittler mit ihrem Roman Meine erste bis neunundneunzigste Liebe nominiert. Sie ist gemeinsam mit vier weiteren Autoren auf der Jagd nach den besten Kundenrezensionen.

Wir haben der Nominierten vorab einige Fragen gestellt:

Ihr Buch Meine erste bis neunundneunzigste Liebe handelt, wie der Titel verrät, von der Liebe. Ein universelles, viel beschriebenes Thema. Wie kamen Sie dazu, darüber zu schreiben? Haben Sie sich von eigenen Erfahrungen inspirieren lassen?

Jasna Mittler: Die erste Idee zu den Texten hatte auf jeden Fall mit mir und meinen eigenen Erfahrungen zu tun. Das ist aus einer Laune heraus entstanden, weil ich in meiner Lebenssituation das Gefühl des Verliebtseins vermisst habe. Aber anstatt loszuziehen, um mir eine neue Liebe zu suchen und damit meine Beziehung aufs Spiel zu setzen, habe ich mich damit begnügt, vergangene Lieben Revue passieren zu lassen. Und nachdem die Erinnerungsmaschine einmal in Gang gesetzt war, tauchten immer mehr Begegnungen vor meinem inneren Auge auf, kurze Augenblicke genauso wie Langzeitschwärmereien. Das war zwar nicht so aufregend wie frisch-verliebt-Sein, aber eine ganz passable Ersatzdroge. Im Verlauf des Schreibprozesses bin ich sehr bald von der eigenen Erinnerung abgewichen und habe angefangen, dazuzuerfinden, umzumodeln und zu komponieren. So besteht das Buch jetzt etwa in gleichen Teilen aus Episoden, die ich selbst erlebt habe, Episoden, die andere erlebt haben, und frei erfundenen Episoden – die wahrscheinlich zahlreiche Menschen irgendwo auf der Welt genau so oder ähnlich auch schon erlebt haben.

Sie bedienen sich einer sehr originellen Herangehensweise, indem Sie jede einzelne Liebe im Leben der Protagonistin auflisten und davon erzählen. Spielen Listen in Ihrem eigenen Leben eine besondere Rolle?

Jasna Mittler: Spontan würde ich sagen: überhaupt nicht! Aber dann schaue ich mich zu Hause um und entdecke Einkaufslisten, diverse „To do“-Listen, nach Dringlichkeit geordnet, und nicht zuletzt Listen mit Themen für Schreibprojekte, die noch der Umsetzung harren. Listen geben mir das Gefühl, die Übersicht in meinem ganz persönlichen Chaos zu behalten. Das beruhigt, auch wenn es nicht viel nützt! Aber ich denke, meine Vorliebe für Listen bewegt sich im normalen Rahmen, sie spielen also keine besondere Rolle.

Die Protagonistin durchläuft eine Entwicklung im Verlauf des Buches. Wie verändert sie sich durch ihre Lieben?

Jasna Mittler: Das Buch begleitet die Protagonistin von der frühen Kindheit an, bis sie etwa um die dreißig Jahre alt ist. Das ist die eine Ebene der Entwicklung, die zwangsläufig zu einer Veränderung der Interessen, der Lebensumstände und der (Selbst-)Wahrnehmung der Protagonistin führt.

Zum anderen verändert sich die junge Frau aber auch durch die Lieben, denen sie begegnet. Oft verliebt sie sich ja gar nicht in den Menschen selbst, sondern in das Bild, das sie auf diesen Menschen projiziert. Ihre Suche nach der großen Liebe ist also lange Zeit auch eine Suche nach sich selbst und danach, welches Leben zu ihr passt. Mit jeder Liebe, die sie ausprobiert, findet sie mehr darüber heraus, was sie wirklich will – nicht nur von der Liebe, sondern vom Leben allgemein. Sie wird dadurch zum Ende des Buches hin reifer, erwachsener. Was sich dann auch wiederum auf ihre Lieben auswirkt ...

Jede Liebe im Buch hat ihre ganze eigene Geschichte, und sei sie auch noch so kurz. Welche Spuren hinterlassen (verflossene) Lieben in unserem Leben?

Jasna Mittler: Das ist sehr verschieden. Vor Kurzem habe ich einen Artikel gelesen, der sich der Frage widmete, warum so viele Leute ihrer ersten Liebe nachhängen. Das liegt anscheinend daran, dass diese erste Liebe noch mit so viel Hoffnung verbunden ist und wir sie so unvorbelastet erleben wie kaum eine andere. Diese Liebe lässt, vor allem im Rückblick, eine Menge Raum für Projektionen und Verklärungen.

Bei der Protagonistin des Buches kann man auch beobachten, dass die Lieben bei ihr gewisse Prägungen, Vorlieben oder Abneigungen, hinterlassen. Eine Liebe beeinflusst ihren Musikgeschmack, eine andere ist schuld daran, dass sie Fußball hasst. Wieder eine andere Liebe führt dazu, dass sie eine bestimmte Sprache erlernt usw.

Dass man sich auf diese Weise von demjenigen, den man liebt oder zumindest bewundert, beeinflussen lässt, geschieht bestimmt häufig. Und einen Teil dieser Prägung nimmt man dann vielleicht mit zur nächsten Liebe.

Silke Schmidt hat Ihre Texte auf bildschöne Weise illustriert. Haben die Illustrationen Ihre Sicht auf die Erzählungen verändert?

Jasna Mittler: Zunächst einmal erfahren die Geschichten durch die tollen Illustrationen und die schöne Aufmachung eine Aufwertung, die mich als Autorin einfach umhaut. Ich kannte die Texte in- und auswendig, hatte monatelang an ihnen rumgeschliffen und konnte mir nicht mehr vorstellen, dass sie mich noch überraschen könnten. Als ich sie dann das erste Mal in Buchform gesehen habe, jede einzelne liebevoll illustriert, wirkten sie ganz neu und frisch auf mich. Die Illustrationen heben Aspekte aus den Geschichten hervor, die manchmal nicht direkt im Vordergrund stehen. Das verleiht den Texten eine Tiefe, die allein beim flüchtigen Lesen vielleicht nicht zustande käme. Daher freue ich jedes Mal aufs Neue, wenn ich sie betrachte!

--MRa