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Rezension

25 Kindle-Favoriten: neue Leseideen für Regenwetter im Sommer

Liebe Leserinnen und Leser,

wir haben auch für den Septemer wieder 25 eBooks ausgesucht, die wir für entdeckenswert halten.

Hier ein kleiner Vorgeschmack auf unsere 25 Kindle-Favoriten:

Vierter Stock Mütter Töchter   Panik Alentejo Blue The Circle 

 

 

 

 

         

Entdecken Sie alle 25 Empfehlungen hier. Wir wünschen Ihnen viel Spaß beim Lesen.

Trevanian: Im Auftrag des Drachen

TrevanianBond-Erfinder Ian Fleming und Bourne-Erfinder Robert Ludlum wurden ihrerzeit verdächtigt, hinter dem Pseudonym Trevanian zu stecken (tatsächlich handelte es sich um den Filmhistoriker Rodney William Whitaker). Angesichts ähnlicher Inhalte und Figuren ist das nachvollziehbar. Andererseits: Warum sollten diese Herren ausgerechnet für ihre besten Werke ein Pseudonym wählen? Literarisch war und ist Trevanian im Thriller-Genre eine Klasse für sich. Sein Stil ist geschliffen, sein Wissen scheint enzyklopädisch, und seine Romane bieten wirklich den Grad an Abenteuerlichkeit, den andere nur versprechen. Der neu aufgelegte Im Auftrag des Drachen (ursprünglich von 1972, 1975 von und mit Clint Eastwood verfilmt) bildet da keine Ausnahme.

Jonathan Hemlock ist Universitätsdozent und Kunstliebhaber. Seine Sammelleidenschaft finanziert er sich als geheimdienstlicher Auftragsmörder. Eigentlich mag er nicht mehr so recht, als ein neuer Auftrag reinkommt, aber er braucht dringend eine Finanzspritze für seine nächste Anschaffung. Außerdem enthält dieser Auftrag eine persönliche Komponente: er gibt Hemlock die Möglichkeit, den Tod eines geschätzten Kollegen zu rächen. Der Haken: die Zielperson ist noch nicht identifiziert. Hemlock muss selbst herausfinden, welches Mitglied einer Bergsteigertruppe der zu killende Killer ist. Ausgerechnet bei einem Besteigungsversuch der Eiger-Nordwand.

Einen gelungenen Unterhaltungsroman mit einer unsympathischen Hauptfigur zu schreiben ist nicht unmöglich, aber sehr schwierig. Trevanian schafft es ohne Weiteres. Jonathan Hemlock ist ein gesellschaftlich integrationsfähiger Psychopath wie Sherlock Holmes, James Bond oder Hannibal Lecter. Große Gefühlsregungen sind nicht sein Ding. Freundschaften sind strengen Regeln unterworfen. Sex nimmt er mit, wo er ihn kriegen kann, und wenn es mal keinen gibt, ist es auch nicht schlimm. Leidenschaft verspürt er allenfalls für die schönen Künste, und auch da begeistert er sich eher für handwerkliche Präzision als für künstlerischen Subtext. Nein, liebenswert ist diese Figur nicht, aber überaus interessant. Das ist mehr als die halbe Miete, insbesondere, wenn die Geschichte um die Figur herum so präzise und dynamisch geschrieben ist, ohne Durststrecken und ohne übertriebene Action, voll politischem Sendungsbewusstsein und sarkastischem Witz. Dass einige der erotischen Begegnungen an Fantasien aus 70er-Jahre-Herrenmagazinen erinnern, ist zu verkraften. Es ist schließlich ein 70er-Jahre-Herrenroman. Daran muss nicht alles schlecht sein. Das meiste ist es ganz und gar nicht.

-- ANe

Donna Tartt: Der Distelfink

 

FinkDurch das angelsächsische Feuilleton spukt momentan mal wieder die Sommerloch-Debatte, ob der Roman, zumindest der literarische, tot sei. Dabei sind es gerade die englischsprachigen Autorinnen und Autoren, die mit ihren aktuellen Veröffentlichungen die überzeugendsten Lebenszeichen der Gattung geben.  Eine davon ist Donna Tartt, legendär langsame Autorin von drei Romanen in über 20 Jahren. Logisch, dass jeder neue Tartt zum Ereignis ausgerufen wird. Im Fall von Der Distelfink völlig zu Recht.

Im Alter von 13 Jahren verliert Theo Decker seine Mutter bei einem Bombenattentat auf ein New Yorker Museum, das beide gemeinsam besuchen. Unter Schock stiehlt er am Tag der Tragödie ein Gemälde, ‚Der Distelfink‘ von Carel Fabritius. Es wird ihm in den nächsten Jahren, in denen er unter verschiedenen Vormunden in New York und Las Vegas aufwächst und auf diverse schiefe Bahnen gerät, Halt und Hindernis zugleich sein.

Kann man noch etwas zu Der Distelfink sagen, das noch nicht gesagt worden ist? Vielleicht sollte zur Abwechslung mal darauf hingewiesen sein, wie modern der Roman ist. Es scheint ein Gesetz zu geben, laut dem man unbedingt von Dickens sprechen muss, wenn man von Der Distelfink spricht. Ganz von der Hand zu weisen ist der Vergleich nicht, obwohl inzwischen in der Literaturkritik der Dickens-Vergleichsreflex bei jedem einigermaßen linear erzählten Roman ab einem gewissen Umfang zu zucken scheint. Viel interessanter als Donna Tartts Mut zum strukturellen Konservativen aber ist ihr Bekenntnis zur Gegenwart. Der Distelfink ist kein Retro-Schmöker von dieser schrulligen, etwas entrückten Lieblings-Tante aus den Südstaaten, sondern ein Roman aus dem Hier und Jetzt von einer Frau, die in diesem Hier und Jetzt fest verankert ist. Theo Decker ist ein Kind der Gegenwart, ein Kind von iPhone und Grand Theft Auto, und seine Odyssee ist sehr gegenwärtig – egal, wie klassisch sie erzählt ist. Tartt kann nicht nur die Requisiten der Ultramoderne benennen, sondern weiß auch um ihre Bedeutung. Was Decker erlebt und was ihm widerfährt, wäre ohne heutige Technologien, Drogen, Mobilität und Medien nicht möglich. Letztendlich mögen Menschen seit Anbeginn der Menschheitsgeschichte mit ähnlichen Resultaten scheitern, doch die Wege zum Ziel ändern sich mit den Zeiten. Deshalb müssen solche Geschichten immer wieder neu erzählt werden, denn sie sind immer wieder neu. Der Distelfink verbindet das Klassische mit dem Modernen auf eine Art, die man dann später ‚zeitlos‘ nennen wird.

-- ANe

Michael Connelly: Black Box

BlackboxSeit 20 Jahren lässt Michael Connelly Harry Bosch ermitteln, zur Feier umspannt sein neuester Fall genau diesen Zeitraum. Während der Unruhen in Los Angeles von 1992 wird eine dänische Journalistin erschossen. Der Fall wird verschleppt und als ungelöst zu den Akten gelegt. Detective Bosch jedoch, der damals abberufen wurde, mag ihn nicht vergessen und findet 2012 eine heiße Spur: die Tatwaffe. Zunehmend erhärtet sich der Verdacht, dass die Journalistin kein zufälliges Opfer der gewalttätigen Ausschreitungen war, und dass der Mord noch nicht einmal mit denen in Zusammenhang stand. Die Spur führt in den Zweiten Golfkrieg, wo sie als Kriegsreporterin unterwegs war.

Schreiberische Experimentierfreude ist sicherlich nicht das erste, was einem zu Michael Connelly einfällt. Umso erstaunlicher ist es, dass seine bislang 17 Bosch-Romane nie demselben Strickmuster folgen. Die Fälle sind mal vertrackt, mal schnurgerade, mal steht die Politik im Vordergrund, mal die Psychologie, einige Romane sind entspannte Krimis, andere mitreißende Thriller, vereinzelt kommt Action auf. Nach einem aufregendem Auftakt im historischen Los Angeles unmittelbar nach Rodney King strapaziert Black Box ein wenig die Geduld mit etwas zu viel Schreibtischarbeit, aber die unerwartete Entwicklung des Plots, die wohldosierten Einblicke in Boschs Privatleben mit Teenager-Tochter und Lebensgefährtin und das höchst dramatische Finale entschädigen mehr als großzügig für ein paar Durststrecken. Dass nicht jede Nebenhandlung ordentlich aufgelöst wird, liegt in der Natur einer Serie: dies ist nicht das letzte, was wir von Harry Bosch, seinen Freunden und Feinden lesen werden. Zum Glück.

-- ANe

Kôji Suzuki: Der Graben


GrabenManche Bücher möchte man vor ihrem Marketing in Schutz nehmen. Zwar ist nichts am Klappentext von Kôji Suzukis neuem Roman Der Graben sachlich falsch. Doch suggerieren reißerische Formulierungen und die kindischen Blutflecken auf dem Titel eine Art von oberflächlichem Schocker, von der ein Buch  kaum weiter entfernt sein könnte als dieses. Um einen Horrorroman handelt es sich durchaus. Allerdings um einen für Erwachsene, die sich nicht mehr vor Zombies und zähnefletschenden Monstern fürchten. Ein Roman für Leser, die erkannt haben, dass das einzige, wovor man Angst haben muss, der Verlust ist. Der Verlust der Liebe, der Sicherheit, der Gewissheit, der Gesundheit, letztendlich vielleicht der Existenz.

Die Journalistin Saeko hat schon einige Verluste hinter sich: Der Vater ist in ihrer Kindheit auf mysteriöse Weise verschwunden, der Ehemann mittlerweile ebenfalls, wenn auch unmysteriös durch Scheidung. Letzteres ist zu verkraften, Ersteres nagt noch immer an ihr. Dass sie gerade einen seltsamen Knoten in ihrer Brust ertastet hat, hellt ihre Stimmung ebenso wenig auf wie der neue Arbeitsauftrag: Für eine Fernsehsendung soll sie das plötzliche Verschwinden einer ganzen Familie untersuchen. Bald findet sie nicht nur Parallelen, sondern sogar konkrete Verbindungen zum Fall ihres Vaters. Außerdem scheint das Ganze verknüpft mit anderen seltsamen Phänomen: Verschwindenden Sternen in anderen Galaxien, Erderschütterungen, Logikaussetzern in mathematischen Gleichungen.

Steht das Ende der Welt bevor? Selbstverständlich, doch es kommt nicht als brüllendes Endzeit-Spektakel daher, sondern als intime, persönliche Geschichte, die Menschen wichtiger nimmt als Menschheit. Als „Japans Stephen King“ wird Kôji Suzuki von seinem deutschen Verlag angepriesen, was vielleicht angesichts seiner Popularität in der Heimat und seiner Sujets nicht ganz verkehrt ist. Bei diesem Roman allerdings fühlt man sich eher an einen anderen großen Amerikaner erinnert, nämlich Richard Powers mit seinen Protagonisten, die ihre Erlösung in der Wissenschaft suchen und schließlich mit Wittgenstein feststellen müssen, „dass, selbst wenn alle möglichen wissenschaftlichen Fragen beantwortet sind, unsere Lebensprobleme noch gar nicht berührt sind.“ Das drohende Unheil in Der Graben wird durch zunehmende Erklärungen stets nur noch bedrohlicher und endgültiger. Jedes gelöste Rätsel macht den Blick aufs nächste, größere Mysterium frei. Die Wissenschaft schafft keine Sicherheiten, sondern macht Unsicherheiten zur Gewissheit. Der Mensch ist nicht nur allein im Universum, er ist auch allein mit dem Universum.

Das ist Literatur, die vom Leser ein wenig Mitarbeit verlangt. Das scheint nur fair angesichts der Arbeit, die sich der Autor gemacht hat. Der Roman und seine Figuren neigen zum Monologisieren übers Astronomische, Mathematische, Physikalische, Archäologische. Das Philosophische ist die logische Konsequenz daraus. Diese allerdings wird dem Leser überlassen. Der Graben liefert jede Menge Gedankenfutter, kaut es aber nicht vor. Fraglich bleibt, ob dieser feinsinnige Roman mit seiner grobschlächtigen Vermarktungsstrategie die Leser finden wird, die darin ein gefundenes Fressen sehen.

-- ANe

Haruki Murakami: Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki

MurakamiTsukuru Tazaki lebt in Tokio und konstruiert Bahnhöfe. Doch er kann innerlich seiner Jugendzeit in Nagoya nicht entfliehen. Nachdem er seinen Heimatort verlassen hatte, wurde er von seinen vier besten Freunden plötzlich verstoßen. Auf Anraten seiner Bekannten und gelegentlichen Bettgefährtin Sara rafft sich Tazaki nach Jahren der Unsicherheit auf, den Grund für den damaligen Stimmungswechsel in seinem Freundeskreis zu erfahren. Seine Reise führt ihn erst zurück nach Nagoya, schließlich sogar nach Finnland.

Zwei Schlüsselsätze fallen in Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki. Einer lautet: „Eine Persönlichkeit hat jeder, solange er lebt.“ Das klingt zunächst nach genau der Art von Binsenweisheit, für deren Verbreitung Murakami von Skeptikern am häufigsten kritisiert wird. Doch die Erkenntnis ist nicht so trivial und selbstverständlich, wie sie klingt. Murakami beweist das selbst mit einem Trick: Der Titel seines Romans führt den Leser auf Glatteis, wo er länger als nötig bleibt, aus eigenem Verschulden. Man liest schon auf der Titelseite, dass Herr Tazaki farblos sei und glaubt es prompt. Man glaubt es auch noch eine ganze Weile während der Lektüre. Dabei gibt es dafür überhaupt keine Anhaltspunkte. Der Titel, das wird früh erklärt, bezieht sich lediglich darauf, dass Tazaki in seiner Jugendclique der Einzige war, in dessen Namen keine Farbbezeichnung vorkam. Ansonsten ist er eine mitten aus dem Leben gegriffene Figur. Er hat seinen privaten Enthusiasmus zum Beruf gemacht, er ist kulturell in Maßen interessiert, ist sexuell und sportlich aktiv, nicht sonderlich gesellig aber auch kein pathologischer Einsiedler. Vielleicht keiner der großen literarischen Exzentriker, doch sicherlich kein Mann ohne Eigenschaften. Wenn dieser Tazaki farblos ist, dann sind es rund 99% der Menschheit ebenfalls.

Das Hauptthema des Romans ist die Diskrepanz zwischen der Selbstwahrnehmung und der Wahrnehmung durch andere. Tazaki findet seinen Seelenfrieden nicht dadurch, dass er erfährt, was den Bruch seines Freundeskreises ausgelöst hat (gleichwohl erfährt er es). Wichtiger ist, dass er erfährt, was er seinen Freunden bedeutet und bedeutet hat. Erst als er sich mit den Augen anderer sieht, begreift er, dass er nicht farblos ist.

„Eine Persönlichkeit hat jeder“ – ungefähr nach der Hälfte des Romans steht eine Anschuldigung im Raum, die hinzufügen lässt: vielleicht mehr als eine. Trotz rechtsstaatlicher Unschuldsvermutung und genereller Sympathie schwebt fortan der Schatten des Zweifels über Tsukuru Tazaki. Hat er, oder hat er nicht? Vieles spricht dafür, dass er nicht hat. Doch eine dunkle Seite wohnt der Figur allemal inne. Sind da nicht diese seltsamen, leicht aggressiven erotischen Träume? Ist nicht ein Freund spurlos verschwunden? Und was ist mit dieser heftigen Todessehnsucht in jungen Jahren? Die Ahnung, dass alles ganz anders sein könnte, ist bei Murakamis besten Romanen immer mit von der Partie, so auch hier.

Der zweite Schlüsselsatz ist eher ein Fragment: „Ähnlich, aber doch anders“, erklärt der Protagonist das Wesen von Japanern und Chinesen gegenüber zwei finnischen Kindern, die Probleme mit der Unterscheidung haben. Damit unterstreicht Murakami, der sich selbst eher als asiatischer denn japanischer Autor sieht, das Thema von Außenwahrnehmung vs. Selbstwahrnehmung und hebt es nebenbei noch auf eine politische Ebene. Vor allem aber beschreibt dieses Fragment hervorragend den Roman selbst: Er ist ähnlich wie andere Romane des Autors, aber doch anders. Die Figuren und die strenge erzählerische Struktur erinnern an das Frühwerk, das einigermaßen naturalistisch daherkam, ohne die konkreten Ausflüge in die Phantastik und assoziativen Verschachtelungen, welche die späteren Bestseller bestimmten. Das Irreale ist aber zumindest unterschwellig vorhanden, in Erzählungen innerhalb der Erzählung, in Träumen und in Handlungsfäden ohne Auflösung. So ist dieser Murakami ein typischer Murakami, ohne ein allzu typischer Murakami zu sein. Ähnlich, aber doch anders. So, wie es sein sollte.

-- ANe

Nora Luttmer: Der letzte Tiger

TigerAuch in Vietnam schläft das Verbrechen nicht: Kaum ein Jahr nach seinem ersten niedergeschriebenen Fall muss Kommissar Ly wieder ermitteln. Sein Freund Truong wurde von seinem Kühlschrank per Stromschlag getötet, offiziell ein Unfall. Doch an die offizielle Version will Ly nicht glauben. Er findet bald Zusammenhänge zu dem Fall, der ihm eigentlich übertragen wird: Eine Tiger-Attacke mitten in Hanoi. Der Tiger gehörte zur Beute eines Schmuggler-Netzwerks, das Tiere für die Herstellung traditioneller Medizin verschleppt und verkauft – eine illegale Praxis. Mitschuldige findet der Kommissar jede Menge – doch wird er an die Drahtzieher herankommen und den Mord aufklären?

Der Cover-Slogan „Kommissar Ly ermittelt in Hanoi“ verkauft den Roman eigentlich unter Wert. Dank seines klapprigen Mopeds ermittelt Kommissar Ly auch in den Dörfern und in der Wildnis außerhalb der Stadt, wo Nora Luttmer die eindringlichsten Passagen von Der letzte Tiger ansiedelt. Das Thema zeugt von Sendungsbewusstsein, doch geht die Botschaft nie auf Kosten der Spannung. Der Plot ist schlüssig, flott erzählt, oft überraschend und vor allem besetzt mit glaubhaften Figuren, die sich nicht leicht in ein simples Gut/Böse-Schema pressen lassen. Selbstverständlich sind auch Lys problematische Familienverhältnisse wieder Thema: die etwas unterkühlte Beziehung zu seiner Frau, die nicht mehr ganz fitte Mutter, der brutale Schwager, das bockige Teenagertöchterchen. Es spricht nicht gegen sondern für den Roman, dass man davon gerne noch mehr gelesen hätte. Also auf ein nächstes Mal.

-- ANe

Martin Cruz Smith: Tatjana

TatjanaSeit 1981 lässt Martin Cruz Smith seinen Moskauer Polizisten Arkadi Renko in den zwielichtigeren Winkeln der russischen Gesellschaft ermitteln. Das hat seine Spuren hinterlassen: Inzwischen steckt eine Kugel in Renkos Kopf, die ihn bei zu viel Aufregung umbringen könnte. Dabei ist Aufregung wieder einmal programmiert. In Kaliningrad wird ein Dolmetscher ermordet. Er hinterlässt ein Notizbuch mit einem wirren Code, für den sich Gangster, Polizei und Presse gleichermaßen interessieren. In Moskau verschwindet die Leiche einer Journalistin, die angeblich Selbstmord begangen hat. Ebenfalls tot: Der Mafioso, mit dessen Sohn sich Renkos Ex nun vergnügt. Und dann hat der alte Ermittler auch noch Ärger mit seinem ungezogenen Ziehsohn, der unbedingt zum Militär will.

Martin Cruz Smith hat kürzlich bekanntgegeben, dass er seit geraumer Zeit an der Parkinson-Krankheit leidet und Tatjana nicht mehr komplett selbst tippen konnte, weshalb er große Teile des Manuskripts seiner Frau diktieren musste. Er habe seine Krankheit so lang wie möglich geheim gehalten, weil er nicht als „der Autor mit Parkinson“ gesehen werden wollte. Das ist verständlich, denn nun kann man tatsächlich nicht mehr anders, als sein neuestes Werk nach Auswirkungen der neuen Arbeitsweise abzutasten. Dabei fällt auf, dass Tatjana kompakter ist als andere Renko-Romane, aber keineswegs inhaltlich weniger komplex. Vermutlich handelt es sich sogar um Renkos komplexesten Fall seit langem.  Hier hängt wirklich alles mit allem zusammen; was als Sammlung loser Fäden beginnt, ergibt letztendlich ein festes, meisterlich gewobenes Geflecht. Wer diktiert, muss seine Gedanken stärker fokussieren als der, der frei in die Tasten haut. Vielleicht ist also die straffere Struktur, die dem Spannungsaufbau überaus guttut, der neuen Arbeitsweise geschuldet. Vielleicht ist Smith aber auch einfach ein Autor, der sich mit zunehmender Erfahrung zunehmend auf das Wesentliche konzentriert, zum Gewinn seiner Leser. Aufhalten lässt er sich von seiner Krankheit ebenso wenig wie Arkadi Renko von seiner Kugel im Kopf, der nächste Roman befindet sich bereits im Diktat. Wenn Tatjana ein Indikator ist, stehen uns Martin Cruz Smiths spannendste Arbeiten noch bevor.

-- ANe

Ben Winters: Der letzte Polizist

WintersMan stelle sich vor, es ist Weltuntergang und einer löst noch Kriminalfälle. So einer ist Detective Hank Palace. Warum ihm sechs Monate vor einem verheerenden Asteroideneinschlag daran gelegen ist, einen Mörder zu fassen, der seine gerechte Strafe eh nicht mehr erleben wird, liegt eigentlich auf der Hand: In den letzten Tagen der Menschheit macht jeder, was er schon immer machen wollte. Und Hank wollte schon immer Kriminalfälle lösen.

Das ist der clevere Ausgangspunkt von Ben Winters‘ präapokalyptischem Kriminalroman Der letzte Polizist. Detective Palace mag nicht glauben, dass der Versicherungsangestellte, der mit einem Gürtel erhängt in der Toilette eines Fast-Food-Restaurants gefunden wurde, Selbstmord begangen hat. Seine Ermittlungen ergeben, dass das Opfer nicht so bieder gelebt hatte, wie es zunächst den Anschein hat. Drogen und sogar der Asteroid Maia, der bald noch einigen Menschen mehr den Garaus machen soll, spielen eine Rolle. So schafft Winters eine glaubwürdige Verquickung seines Science-Fiction-Themas mit der traditionellen Krimihandlung, ohne dass eines von beidem zum Gimmick verkäme. Das Kurz-vor-Endzeit-Szenario ist konsequent durchdacht und bleibt genau das: ein Szenario. Es beeinflusst die Story, aber es buttert sie nicht unter. Im Kern bleibt das Ganze klassische Kriminalliteratur mit einem stoischen Ermittler inklusive problematischen Familienverhältnissen, einer Femme Fatale und allerlei anderen Lügnern.

Der letzte Polizist ist der erste Band einer geplanten Trilogie. Wer aufmerksam liest, dem mögen Zweifel kommen, ob das Ende der Welt tatsächlich in so trockenen Tüchern steckt, wie der Menschheit weisgemacht wird. Aber vielleicht ist das nur eine falsche Fährte oder lebenshungrige Überinterpretation. Wie auch immer es ausgeht: Wenn es so weitergeht, folgt man dem letzten Polizisten gerne bis zu seinem letzten Fall.

-- ANe

Familienduell des Grauens: Doctor Sleep vs. Christmasland

LandDer Horrorautor Joe Hill hatte sich einst sein Pseudonym gewählt, weil er nicht mit seinem Vater verglichen werden wollte. Kein Wunder, wenn der Vater Stephen King ist. Es hat geholfen: Hill durfte zu einer eigenständigen Größe im Genre werden, bevor die ganze Sache aufflog. Mit seiner neuen Veröffentlichung allerdings kann er sich den Vergleichen nicht mehr entziehen, denn Christmasland ist mit seinem epischen Umfang, seinem übersinnlich begabten Provinzpersonal, seiner dämonischen Unterwanderung des amerikanischen Traums und seinen Entwicklungsroman-Themen verdächtig nah am Werk des Vaters. Da dieser Tage außerdem Stephen Kings neuer Großroman Doctor Sleep erschienen ist, liegt es nahe, beide Bücher in einem Kampf über 7 Runden gegeneinander antreten zu lassen.

Runde 1: Die Geschichte

Christmasland heißt das schaurige Zwischenreich in Joe Hills Roman, in das ein anscheinend unsterblicher Unhold und sein nicht allzu heller aber umso brutalerer Handlanger mit ihrem bösen Automobil Kinder entführen, die dort über kurz oder lang zu gefühllosen kleinen Monstern werden. Als der Sohn der übersinnlich begabten Vicky entführt wird, macht sie sich auf, dem finsteren Mr. Manx das Handwerk zu legen.Sleep
Doctor Sleep ist der Spitzname von Dan Torrance, weil er mit seinen übersinnlichen Begabungen Sterbenden beim letzten Einschlafen hilft. Dem ähnlich begabten Mädchen Abra hingegen muss er nicht beim Sterben helfen, sondern beim Überleben. Eine Bande vampirartiger Schwerenöter hat es auf die Energie abgesehen, die Kinder wie sie im Todeskampf abgeben.
Hills Geschichte ist zielgerichteter, schnörkelloser als die seines Vaters, wodurch sie lange Zeit die Nase vorn hat. Denn King mäandert und verweilt auf Wegen und Plätzen, die nicht immer rasend interessant sind. Auf den letzten Metern aber holt er auf und zaubert überraschende Enthüllungen und kluge Verweise auf den Vorgänger-Roman Shining aus dem Hut, wodurch in dieser Runde beide Autoren gerade noch gleichziehen und einen Punkt bekommen.

Runde 2: Die Stimme

Wenn man einen Stephen-King-Roman liest, weiß man sofort, dass man einen Stephen-King-Roman liest – selbst wenn man es nicht weiß. Des Autoren Plauderton ist unverkennbar. Wenn er gut drauf ist, hört man ihm gebannt zu. Wenn er sich zu sehr bemüht, wird er unangenehm aufdringlich. In Doctor Sleep hat King den Stil, der ihn zu Recht reich und seine Leser glücklich gemacht hat, souverän im Griff.
Joe Hills Stil ist nüchterner, weniger verbindlich, geht weniger Risiko ein. Damit liegt man im Zweifelsfall nie verkehrt. Gewinnt aber im Vergleich mit einem höchst unikalen Meistererzähler keinen Blumentopf, denn dieser Punkt geht eindeutig an Stephen King.

Runde 3: Die Guten

Dan Torrance und Abra sind eckige und kantige King-Charaktere, mit denen man gerne 700 Seiten und mehr verbringt. Joe Hills Vicky allerdings, diese gebrochene Frau, die wir schon als tapferes Mädchen kennengelernt haben, werden wir nie vergessen. Ein Punkt für den Sohnemann.

Runde 4: Die Bösen

Das Dämonische Duo und die Monster-Kinder von Christmasland gewinnen an Substanz, je mehr sich die Ereignisse zuspitzen. Anfangs allerdings scheinen sie viel zu lang reine Oberfläche zu sein; als käme es Joe Hill vor allem darauf an, dass seine Geschöpfe cool auf einem Filmplakat aussähen.
Stephen Kings Vampir-Wesen hingegen sind von Anfang an über-erklärt und wir müssen so viel Zeit mit ihnen verbringen, dass ihnen eher der Schrecken lästiger Verwandter als blutrünstiger Ungeheuer anhängt. Dann doch lieber noch ein Punkt für Joe Hill.

Runde 5: Der Subtext

Doctor Sleep ist ein Roman über Abhängigkeit, Christmasland ist einer über Missbrauch. Hill opfert sein Thema mitunter dem grellen Effekt, während King es stets ernst nimmt, ob beim Alkoholiker Dan Torrance oder den anderweitigen Substanzabhängigkeiten der Antagonisten. Ein klarer Punkt für den King.


Runde 6: Der Horror

Würde Christmasland auf alles Übernatürliche verzichten, was durchaus denkbar wäre, wäre der Roman weitaus erschreckender. Vielleicht sogar unerträglich und nicht mehr als Unterhaltungsliteratur vertretbar. Genau das weiß Joe Hill, genau deshalb hat er den Fantastik-Filter eingesetzt und genau deshalb funktioniert sein Buch als Horror-Roman.
King hat inzwischen ein so festes Regelwerk um seine Shining-Mythologie geschnürt, dass ihr die Luft fehlt, die der Schrecken zum Atmen braucht. Dies mag gelungene Fantasy sein, aber für den Horror fehlt das Geheimnis, der dunkle Fleck. Ein Punkt für Hill.

Runde 7: Die Verweise

Vater und Sohn haben es sich nicht nehmen lassen, in ihren Romanen auf die eigenen Werke und die des anderen zu verweisen. King tut dies kunstvoll, ihm scheint wirklich an der Schaffung eines gemeinsamen, schlüssigen Erzähl-Universums gelegen. Bei Hill hingegen kommen King-Anspielungen als plumpes Seitenknuffen und Augenzwinkern daher, was einen eher aus der Geschichte rausbringt als in eine größere hinein. Dafür ein Punkt für Stephen King.

Damit steht es letztendlich 4:4. Man wird wohl doch nicht umhin kommen beide zu lesen.

-- ANe