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Rezension

Haruki Murakami: Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki

MurakamiTsukuru Tazaki lebt in Tokio und konstruiert Bahnhöfe. Doch er kann innerlich seiner Jugendzeit in Nagoya nicht entfliehen. Nachdem er seinen Heimatort verlassen hatte, wurde er von seinen vier besten Freunden plötzlich verstoßen. Auf Anraten seiner Bekannten und gelegentlichen Bettgefährtin Sara rafft sich Tazaki nach Jahren der Unsicherheit auf, den Grund für den damaligen Stimmungswechsel in seinem Freundeskreis zu erfahren. Seine Reise führt ihn erst zurück nach Nagoya, schließlich sogar nach Finnland.

Zwei Schlüsselsätze fallen in Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki. Einer lautet: „Eine Persönlichkeit hat jeder, solange er lebt.“ Das klingt zunächst nach genau der Art von Binsenweisheit, für deren Verbreitung Murakami von Skeptikern am häufigsten kritisiert wird. Doch die Erkenntnis ist nicht so trivial und selbstverständlich, wie sie klingt. Murakami beweist das selbst mit einem Trick: Der Titel seines Romans führt den Leser auf Glatteis, wo er länger als nötig bleibt, aus eigenem Verschulden. Man liest schon auf der Titelseite, dass Herr Tazaki farblos sei und glaubt es prompt. Man glaubt es auch noch eine ganze Weile während der Lektüre. Dabei gibt es dafür überhaupt keine Anhaltspunkte. Der Titel, das wird früh erklärt, bezieht sich lediglich darauf, dass Tazaki in seiner Jugendclique der Einzige war, in dessen Namen keine Farbbezeichnung vorkam. Ansonsten ist er eine mitten aus dem Leben gegriffene Figur. Er hat seinen privaten Enthusiasmus zum Beruf gemacht, er ist kulturell in Maßen interessiert, ist sexuell und sportlich aktiv, nicht sonderlich gesellig aber auch kein pathologischer Einsiedler. Vielleicht keiner der großen literarischen Exzentriker, doch sicherlich kein Mann ohne Eigenschaften. Wenn dieser Tazaki farblos ist, dann sind es rund 99% der Menschheit ebenfalls.

Das Hauptthema des Romans ist die Diskrepanz zwischen der Selbstwahrnehmung und der Wahrnehmung durch andere. Tazaki findet seinen Seelenfrieden nicht dadurch, dass er erfährt, was den Bruch seines Freundeskreises ausgelöst hat (gleichwohl erfährt er es). Wichtiger ist, dass er erfährt, was er seinen Freunden bedeutet und bedeutet hat. Erst als er sich mit den Augen anderer sieht, begreift er, dass er nicht farblos ist.

„Eine Persönlichkeit hat jeder“ – ungefähr nach der Hälfte des Romans steht eine Anschuldigung im Raum, die hinzufügen lässt: vielleicht mehr als eine. Trotz rechtsstaatlicher Unschuldsvermutung und genereller Sympathie schwebt fortan der Schatten des Zweifels über Tsukuru Tazaki. Hat er, oder hat er nicht? Vieles spricht dafür, dass er nicht hat. Doch eine dunkle Seite wohnt der Figur allemal inne. Sind da nicht diese seltsamen, leicht aggressiven erotischen Träume? Ist nicht ein Freund spurlos verschwunden? Und was ist mit dieser heftigen Todessehnsucht in jungen Jahren? Die Ahnung, dass alles ganz anders sein könnte, ist bei Murakamis besten Romanen immer mit von der Partie, so auch hier.

Der zweite Schlüsselsatz ist eher ein Fragment: „Ähnlich, aber doch anders“, erklärt der Protagonist das Wesen von Japanern und Chinesen gegenüber zwei finnischen Kindern, die Probleme mit der Unterscheidung haben. Damit unterstreicht Murakami, der sich selbst eher als asiatischer denn japanischer Autor sieht, das Thema von Außenwahrnehmung vs. Selbstwahrnehmung und hebt es nebenbei noch auf eine politische Ebene. Vor allem aber beschreibt dieses Fragment hervorragend den Roman selbst: Er ist ähnlich wie andere Romane des Autors, aber doch anders. Die Figuren und die strenge erzählerische Struktur erinnern an das Frühwerk, das einigermaßen naturalistisch daherkam, ohne die konkreten Ausflüge in die Phantastik und assoziativen Verschachtelungen, welche die späteren Bestseller bestimmten. Das Irreale ist aber zumindest unterschwellig vorhanden, in Erzählungen innerhalb der Erzählung, in Träumen und in Handlungsfäden ohne Auflösung. So ist dieser Murakami ein typischer Murakami, ohne ein allzu typischer Murakami zu sein. Ähnlich, aber doch anders. So, wie es sein sollte.

-- ANe

Nora Luttmer: Der letzte Tiger

TigerAuch in Vietnam schläft das Verbrechen nicht: Kaum ein Jahr nach seinem ersten niedergeschriebenen Fall muss Kommissar Ly wieder ermitteln. Sein Freund Truong wurde von seinem Kühlschrank per Stromschlag getötet, offiziell ein Unfall. Doch an die offizielle Version will Ly nicht glauben. Er findet bald Zusammenhänge zu dem Fall, der ihm eigentlich übertragen wird: Eine Tiger-Attacke mitten in Hanoi. Der Tiger gehörte zur Beute eines Schmuggler-Netzwerks, das Tiere für die Herstellung traditioneller Medizin verschleppt und verkauft – eine illegale Praxis. Mitschuldige findet der Kommissar jede Menge – doch wird er an die Drahtzieher herankommen und den Mord aufklären?

Der Cover-Slogan „Kommissar Ly ermittelt in Hanoi“ verkauft den Roman eigentlich unter Wert. Dank seines klapprigen Mopeds ermittelt Kommissar Ly auch in den Dörfern und in der Wildnis außerhalb der Stadt, wo Nora Luttmer die eindringlichsten Passagen von Der letzte Tiger ansiedelt. Das Thema zeugt von Sendungsbewusstsein, doch geht die Botschaft nie auf Kosten der Spannung. Der Plot ist schlüssig, flott erzählt, oft überraschend und vor allem besetzt mit glaubhaften Figuren, die sich nicht leicht in ein simples Gut/Böse-Schema pressen lassen. Selbstverständlich sind auch Lys problematische Familienverhältnisse wieder Thema: die etwas unterkühlte Beziehung zu seiner Frau, die nicht mehr ganz fitte Mutter, der brutale Schwager, das bockige Teenagertöchterchen. Es spricht nicht gegen sondern für den Roman, dass man davon gerne noch mehr gelesen hätte. Also auf ein nächstes Mal.

-- ANe

Martin Cruz Smith: Tatjana

TatjanaSeit 1981 lässt Martin Cruz Smith seinen Moskauer Polizisten Arkadi Renko in den zwielichtigeren Winkeln der russischen Gesellschaft ermitteln. Das hat seine Spuren hinterlassen: Inzwischen steckt eine Kugel in Renkos Kopf, die ihn bei zu viel Aufregung umbringen könnte. Dabei ist Aufregung wieder einmal programmiert. In Kaliningrad wird ein Dolmetscher ermordet. Er hinterlässt ein Notizbuch mit einem wirren Code, für den sich Gangster, Polizei und Presse gleichermaßen interessieren. In Moskau verschwindet die Leiche einer Journalistin, die angeblich Selbstmord begangen hat. Ebenfalls tot: Der Mafioso, mit dessen Sohn sich Renkos Ex nun vergnügt. Und dann hat der alte Ermittler auch noch Ärger mit seinem ungezogenen Ziehsohn, der unbedingt zum Militär will.

Martin Cruz Smith hat kürzlich bekanntgegeben, dass er seit geraumer Zeit an der Parkinson-Krankheit leidet und Tatjana nicht mehr komplett selbst tippen konnte, weshalb er große Teile des Manuskripts seiner Frau diktieren musste. Er habe seine Krankheit so lang wie möglich geheim gehalten, weil er nicht als „der Autor mit Parkinson“ gesehen werden wollte. Das ist verständlich, denn nun kann man tatsächlich nicht mehr anders, als sein neuestes Werk nach Auswirkungen der neuen Arbeitsweise abzutasten. Dabei fällt auf, dass Tatjana kompakter ist als andere Renko-Romane, aber keineswegs inhaltlich weniger komplex. Vermutlich handelt es sich sogar um Renkos komplexesten Fall seit langem.  Hier hängt wirklich alles mit allem zusammen; was als Sammlung loser Fäden beginnt, ergibt letztendlich ein festes, meisterlich gewobenes Geflecht. Wer diktiert, muss seine Gedanken stärker fokussieren als der, der frei in die Tasten haut. Vielleicht ist also die straffere Struktur, die dem Spannungsaufbau überaus guttut, der neuen Arbeitsweise geschuldet. Vielleicht ist Smith aber auch einfach ein Autor, der sich mit zunehmender Erfahrung zunehmend auf das Wesentliche konzentriert, zum Gewinn seiner Leser. Aufhalten lässt er sich von seiner Krankheit ebenso wenig wie Arkadi Renko von seiner Kugel im Kopf, der nächste Roman befindet sich bereits im Diktat. Wenn Tatjana ein Indikator ist, stehen uns Martin Cruz Smiths spannendste Arbeiten noch bevor.

-- ANe

Ben Winters: Der letzte Polizist

WintersMan stelle sich vor, es ist Weltuntergang und einer löst noch Kriminalfälle. So einer ist Detective Hank Palace. Warum ihm sechs Monate vor einem verheerenden Asteroideneinschlag daran gelegen ist, einen Mörder zu fassen, der seine gerechte Strafe eh nicht mehr erleben wird, liegt eigentlich auf der Hand: In den letzten Tagen der Menschheit macht jeder, was er schon immer machen wollte. Und Hank wollte schon immer Kriminalfälle lösen.

Das ist der clevere Ausgangspunkt von Ben Winters‘ präapokalyptischem Kriminalroman Der letzte Polizist. Detective Palace mag nicht glauben, dass der Versicherungsangestellte, der mit einem Gürtel erhängt in der Toilette eines Fast-Food-Restaurants gefunden wurde, Selbstmord begangen hat. Seine Ermittlungen ergeben, dass das Opfer nicht so bieder gelebt hatte, wie es zunächst den Anschein hat. Drogen und sogar der Asteroid Maia, der bald noch einigen Menschen mehr den Garaus machen soll, spielen eine Rolle. So schafft Winters eine glaubwürdige Verquickung seines Science-Fiction-Themas mit der traditionellen Krimihandlung, ohne dass eines von beidem zum Gimmick verkäme. Das Kurz-vor-Endzeit-Szenario ist konsequent durchdacht und bleibt genau das: ein Szenario. Es beeinflusst die Story, aber es buttert sie nicht unter. Im Kern bleibt das Ganze klassische Kriminalliteratur mit einem stoischen Ermittler inklusive problematischen Familienverhältnissen, einer Femme Fatale und allerlei anderen Lügnern.

Der letzte Polizist ist der erste Band einer geplanten Trilogie. Wer aufmerksam liest, dem mögen Zweifel kommen, ob das Ende der Welt tatsächlich in so trockenen Tüchern steckt, wie der Menschheit weisgemacht wird. Aber vielleicht ist das nur eine falsche Fährte oder lebenshungrige Überinterpretation. Wie auch immer es ausgeht: Wenn es so weitergeht, folgt man dem letzten Polizisten gerne bis zu seinem letzten Fall.

-- ANe

Familienduell des Grauens: Doctor Sleep vs. Christmasland

LandDer Horrorautor Joe Hill hatte sich einst sein Pseudonym gewählt, weil er nicht mit seinem Vater verglichen werden wollte. Kein Wunder, wenn der Vater Stephen King ist. Es hat geholfen: Hill durfte zu einer eigenständigen Größe im Genre werden, bevor die ganze Sache aufflog. Mit seiner neuen Veröffentlichung allerdings kann er sich den Vergleichen nicht mehr entziehen, denn Christmasland ist mit seinem epischen Umfang, seinem übersinnlich begabten Provinzpersonal, seiner dämonischen Unterwanderung des amerikanischen Traums und seinen Entwicklungsroman-Themen verdächtig nah am Werk des Vaters. Da dieser Tage außerdem Stephen Kings neuer Großroman Doctor Sleep erschienen ist, liegt es nahe, beide Bücher in einem Kampf über 7 Runden gegeneinander antreten zu lassen.

Runde 1: Die Geschichte

Christmasland heißt das schaurige Zwischenreich in Joe Hills Roman, in das ein anscheinend unsterblicher Unhold und sein nicht allzu heller aber umso brutalerer Handlanger mit ihrem bösen Automobil Kinder entführen, die dort über kurz oder lang zu gefühllosen kleinen Monstern werden. Als der Sohn der übersinnlich begabten Vicky entführt wird, macht sie sich auf, dem finsteren Mr. Manx das Handwerk zu legen.Sleep
Doctor Sleep ist der Spitzname von Dan Torrance, weil er mit seinen übersinnlichen Begabungen Sterbenden beim letzten Einschlafen hilft. Dem ähnlich begabten Mädchen Abra hingegen muss er nicht beim Sterben helfen, sondern beim Überleben. Eine Bande vampirartiger Schwerenöter hat es auf die Energie abgesehen, die Kinder wie sie im Todeskampf abgeben.
Hills Geschichte ist zielgerichteter, schnörkelloser als die seines Vaters, wodurch sie lange Zeit die Nase vorn hat. Denn King mäandert und verweilt auf Wegen und Plätzen, die nicht immer rasend interessant sind. Auf den letzten Metern aber holt er auf und zaubert überraschende Enthüllungen und kluge Verweise auf den Vorgänger-Roman Shining aus dem Hut, wodurch in dieser Runde beide Autoren gerade noch gleichziehen und einen Punkt bekommen.

Runde 2: Die Stimme

Wenn man einen Stephen-King-Roman liest, weiß man sofort, dass man einen Stephen-King-Roman liest – selbst wenn man es nicht weiß. Des Autoren Plauderton ist unverkennbar. Wenn er gut drauf ist, hört man ihm gebannt zu. Wenn er sich zu sehr bemüht, wird er unangenehm aufdringlich. In Doctor Sleep hat King den Stil, der ihn zu Recht reich und seine Leser glücklich gemacht hat, souverän im Griff.
Joe Hills Stil ist nüchterner, weniger verbindlich, geht weniger Risiko ein. Damit liegt man im Zweifelsfall nie verkehrt. Gewinnt aber im Vergleich mit einem höchst unikalen Meistererzähler keinen Blumentopf, denn dieser Punkt geht eindeutig an Stephen King.

Runde 3: Die Guten

Dan Torrance und Abra sind eckige und kantige King-Charaktere, mit denen man gerne 700 Seiten und mehr verbringt. Joe Hills Vicky allerdings, diese gebrochene Frau, die wir schon als tapferes Mädchen kennengelernt haben, werden wir nie vergessen. Ein Punkt für den Sohnemann.

Runde 4: Die Bösen

Das Dämonische Duo und die Monster-Kinder von Christmasland gewinnen an Substanz, je mehr sich die Ereignisse zuspitzen. Anfangs allerdings scheinen sie viel zu lang reine Oberfläche zu sein; als käme es Joe Hill vor allem darauf an, dass seine Geschöpfe cool auf einem Filmplakat aussähen.
Stephen Kings Vampir-Wesen hingegen sind von Anfang an über-erklärt und wir müssen so viel Zeit mit ihnen verbringen, dass ihnen eher der Schrecken lästiger Verwandter als blutrünstiger Ungeheuer anhängt. Dann doch lieber noch ein Punkt für Joe Hill.

Runde 5: Der Subtext

Doctor Sleep ist ein Roman über Abhängigkeit, Christmasland ist einer über Missbrauch. Hill opfert sein Thema mitunter dem grellen Effekt, während King es stets ernst nimmt, ob beim Alkoholiker Dan Torrance oder den anderweitigen Substanzabhängigkeiten der Antagonisten. Ein klarer Punkt für den King.


Runde 6: Der Horror

Würde Christmasland auf alles Übernatürliche verzichten, was durchaus denkbar wäre, wäre der Roman weitaus erschreckender. Vielleicht sogar unerträglich und nicht mehr als Unterhaltungsliteratur vertretbar. Genau das weiß Joe Hill, genau deshalb hat er den Fantastik-Filter eingesetzt und genau deshalb funktioniert sein Buch als Horror-Roman.
King hat inzwischen ein so festes Regelwerk um seine Shining-Mythologie geschnürt, dass ihr die Luft fehlt, die der Schrecken zum Atmen braucht. Dies mag gelungene Fantasy sein, aber für den Horror fehlt das Geheimnis, der dunkle Fleck. Ein Punkt für Hill.

Runde 7: Die Verweise

Vater und Sohn haben es sich nicht nehmen lassen, in ihren Romanen auf die eigenen Werke und die des anderen zu verweisen. King tut dies kunstvoll, ihm scheint wirklich an der Schaffung eines gemeinsamen, schlüssigen Erzähl-Universums gelegen. Bei Hill hingegen kommen King-Anspielungen als plumpes Seitenknuffen und Augenzwinkern daher, was einen eher aus der Geschichte rausbringt als in eine größere hinein. Dafür ein Punkt für Stephen King.

Damit steht es letztendlich 4:4. Man wird wohl doch nicht umhin kommen beide zu lesen.

-- ANe

Khaled Hosseini: Traumsammler

Traumsammler

Drei Romane, dreimal Afghanistan, dreimal Geschichten von suchenden und verlorenen Menschen. Khaled Hosseini gehört zu den Autoren, die sich immer wieder am selben Themenkomplex abarbeiten. Einer seiner Beweggründe ist von jeher klar: Er ist ein Mann mit einem Anliegen. Er will Afghanistan und insbesondere Kabul von den Schreckensmeldungen und Elendsbildern der internationalen Nachrichtenproduktion lösen. Das tut er nicht, indem er den Schrecken und das Elend schönredet, sondern es in historische Zusammenhänge setzt. Indem er von Menschen erzählt, die nicht einfach nur Täter oder Opfer sind, und auch vom facettenreichen kulturellen Leben vor Sowjet-Besatzung und Taliban-Herrschaft. Mit Traumsammler wird ein weiterer legitimer Beweggrund deutlich, sich immer wieder auf dasselbe Thema zu stürzen: Man schreibt und schreibt und schreibt, um zu verfeinern. Drachenläufer und Tausend strahlende Sonnen waren beeindruckende, atemlose und atemberaubende Geschichten, bei denen sich das Literarische dem Erzählten unterordnen musste. In Traumsammler wird nun die Erzählwut ein wenig gedrosselt, dafür hält eine größere erzählerische Finesse Einzug.

Mit drei Jahren wird das Mädchen Pari von ihrem notleidenden Vater an einen wohlhabenden Kabuler und seine exaltierte Dichter-Gattin verkauft. Ihr zehnjähriger Bruder Abdullah bleibt mit gebrochenem Herzen beim Vater auf dem Land. Pari kann sich bald an ihre frühe Kindheit nicht mehr erinnern. Sie geht mit ihrer Ziehmutter nach, nomen est omen, Paris. Sie wird zur Frau, überwirft sich mehrmals mit der Mutter, gründet eine eigene Familie. Letzteres tut Abdullah ebenso, ihm wird eine Tochter geboren, er nennt sie Pari. Die junge Pari ist eine von einigen Personen, die eine späte Wiedervereinigung der Geschwister herbeiführen könnte.

Wie in seinen ersten beiden Romanen schafft Hosseini es, eine hochemotionale Geschichte ohne falsche Sentimentalität zu erzählen, und ohne seine Figuren und Leser mit einem plumpen Happy End zu beleidigen. In erster Linie ist die Geschichte aber diesmal ein Gefäß für mehrere Geschichten, die episodenhaft wiedergegeben werden, munter zwischen Orten, Zeiten und Perspektiven springend. Hosseini trifft die feinen Tonänderungen, die bei jedem Perspektivwechsel nötig sind, perfekt. Trotz der breitgefächerten Handlung hat man nie den Eindruck, es mit stilistischem und narrativem Flickwerk zu tun haben. Traumsammler bleibt ein Roman, selbst wenn die Struktur an eine Novellensammlung mit wiederkehrenden Figuren und Motiven erinnert.  Die Beschreibungen von städtischen und ländlichen Umgebungen sind kitschlos poetisch, die Figuren sind nie nur das, was sie bei der ersten Begegnung zu sein scheinen. Ein großer Erzähler war Khaled Hosseini schon immer. Mit Traumsammler ist aus ihm auch ein großer Schriftsteller geworden.

-- ANe

William Boyd: Solo

Solo

Filmisch geht es James Bond seit einigen Jahren wieder prächtig, aber literarisch scheint er in einer Identitätskrise zu stecken. Seit sich mit Raymond Benson 2002 der letzte festangestellte Bond-Romanautor verabschiedete, setzen die Rechteverwalter bei neuen Titeln auf Event-Charakter statt Kontinuität. So wird alle paar Jahre ein neuer Promi aus dem Hut gezaubert, der ein Buch nach eigener Fasson schreiben darf, ohne Rücksicht auf zuvor Geschehenes. 2008 blamierte sich Sebastian Faulks beim Versuch, mit der Stimme Ian Flemings zu sprechen. Jeffery Deaver gebar 2011 den Agenten gleich ganz neu, als moderne Figur in modernen Zeiten. Eine überraschend runde Sache, aus der gerne eine Serie hätte werden können. Nun allerdings ist mit William Boyd der nächste Gast-Starautor dran, der wieder sein eigenes Süppchen kocht und die Figur heim in die 60er holt. Das ist zwar schade um die verpasste Gelegenheit zu einer neuen Kontinuität. Ein Vergnügen ist Solo dennoch.

James Bond wird in das (fiktive) afrikanische Land Zanzarim berufen, um einen Despoten aus dem Weg zu schaffen und damit einen Bürgerkrieg zu beenden. Es kommt zu einer Auseinandersetzung mit einem Söldner, dem Bond nach Beendigung der Mission zwecks persönlicher Rache in die USA nachreist. Dabei muss er feststellen, dass in Afrika nicht alles war, was es gewesen zu sein schien.

Das Hauptaugenmerk liegt bei Boyd, wie bei Bond-Erfinder Ian Fleming, nicht auf überzeichneter Action, sondern auf der wendungsreichen Handlung und der lebendigen Schilderung der internationalen Schauplätze und des mondänen Lebensstils eines kosmopolitischen Schwerenöters. Dabei ist Solo ein Bond-Roman mit der Betonung auf Bond. Wir erleben Bond nicht nur als Abenteuerfigur, sondern auch als Liebenden (also nicht nur, wie zu erwarten, als Liebhaber), Mieter (seine Wohnung wird renoviert) und Zweifler (mit 45 fühlt er sich langsam zu alt für seine anspruchsvollen Aufgaben). Die Geschichte schreitet im angenehmen mittleren Tempo eines klassischen Spionagekrimis voran, ein Genre, das Boyd beherrscht. Genauso souverän beherrscht er die Beschreibung des Lebensgefühls im London der ausschwingenden 60er und der Zustände in afrikanischen Krisengebieten (Boyd wuchs in Ghana und Nigeria auf). Die Überraschungsversuche der Handlungswendungen sind unterschiedlich erfolgreich. Der scheinbare Verrat einer vertrauten Figur und ihre folgende Rehabilitierung sind ebenso sichere Bond-Bretter wie der anschließende Beischlaf zur Wiedergutmachung und der tragische Todesfall, der gerächt werden will. Auch wenn sie einem nicht vor Erstaunen die Sprache verschlagen: Dramaturgisch sind die Wendepunkte glänzend gesetzt und geben den Rhythmus für den bislang gelungensten Bond-Roman der Post-Benson-Ära vor.

-- ANe

Marisha Pessl: Die amerikanische Nacht

AmerikanischenachtÜberraschung gelungen: Marisha Pessl, das literarische Wunderkind von 2006, hat mit ihrem lang hinausgezögerten zweiten Roman Die amerikanische Nacht tatsächlich einen lupenreinen, waschechten, spülmaschinenfesten Schauerroman abgeliefert. Dass Vertreter der höheren Literatur mitunter von ihren Rössern hinabsteigen und, gern mit etwas gönnerhaftem Gestus, einen Abstecher in die vermeintlichen Niederungen der Genre-Literatur wagen, ist beileibe nichts Neues. Doch meist missbrauchen sie die Genre-Konventionen für literarische Fingerübungen und augenzwinkernde Meta-Spielchen. Nicht so Pessl: Ihr Roman hat keine Ambitionen über den Schauer hinaus, keinen doppelten Boden mit verstecktem Subtext. Zumindest nicht mehr, als ein anständiger Schauerroman haben sollte.

Im Mittelpunkt der Geschichte steht der augenscheinliche Selbstmord von Ashley Cordova, Tochter von Stanislas Cordova, einem kultisch verehrten und extrem öffentlichkeitsscheuen Regisseur verstörender Filme, eine Art Mischung aus Dario Argento, Thomas Pynchon und Aleister Crowley. Ein Investigativjournalist nach dem Karriereknick, ein gescheiterter Musiker und eine verhinderte Schauspielerin glauben, dass hinter Ashleys Tod ein düsteres Geheimnis steckt. Sie stellen eigene Ermittlungen an, machen sich auf die Suche nach dem ominösen Vater.

Gestalterisch hebt sich Die amerikanische Nacht ein wenig vom Durchschnittsroman ab, denn der Text wird immer wieder unterbrochen von faksimilierten Dokumenten, etwa Zeitungsartikeln oder Webseiten. Letztendlich ist diese Form des Erzählens aber keine bedeutende Innovation gegenüber klassischen Brief- und Tagebuchromanen, spätestens seit Dracula ein beliebtes Stilmittel des Grusel-Genres. Neu ist allenfalls die liebevolle Durchgestaltung der fiktiven Dokumente. Nicht ganz zu Unrecht wirft das die Frage auf, ob die Autorin aufs Zeigen zurückgreifen muss, weil sie ihrem Erzählen nicht vertraut. Tatsächlich wirkt die Sprache mitunter verdächtig simpel, neigt gar zu schiefen Bildern und faulen Vergleichen. Man sollte das Marisha Pessl allerdings nicht ankreiden, sondern ihrem Talent zugutehalten: Hier spricht schließlich nicht sie selbst als allwissende und eloquente Erzählerin, sondern ein Ich-Erzähler, der nach allem, was wir von ihm wissen, nicht die hellste Leuchte im Schuppen ist. Der gelegentliche visuelle Ausbruch aus dem reinen Text mag nicht unbedingt notwendig sein, ist aber schlicht und einfach eine willkommene Abwechslung in einem Schmöker von 800 Seiten. Man hätte eher noch mehr davon Gebrauch machen dürfen, als ganz darauf zu verzichten.

Inhaltlich fährt Pessl das volle Grusel-Programm inklusive schwarzer Magie, Verschwörerzirkel und unheimlicher Anwesen auf. Kurz vor Schluss jedoch scheint es, als sei man doch nur einem literarischen Trick auf den Leim gegangen. Da tauchen plötzlich Lösungen auf, die weit vom Schlimmsten, was man sich vorgestellt hat, entfernt sind. Die tote Tochter, die verschwundenen Kinder, die Verbrennungsöfen – scheinbar gibt es nun Erklärungen, die zwar von menschlicher Tragik künden, aber nicht unbedingt von unmenschlichem Horror. Vielleicht wollte die Autorin dem Leser nur den Spiegel vorhalten, ihn als voyeuristisches, vorurteilsbehaftetes, nach größtmöglichem Elend gierendes Biest entlarven?

Doch nichts löst sich in eitel Sonnenschein auf. Mit nur wenigen geschickten Zügen wird das Geschehen zurückmanövriert ins Dunkle, Ungewisse, wo es für immer bleiben wird. Wer sein Heil in Auflösungen und Erklärungen sucht, wird mit einem anständigen Schauerroman nicht glücklich. Und Die amerikanische Nacht ist ein anständiger Schauerroman. Zum Glück.

-- ANe

Jean-Christophe Grangé: Die Wahrheit des Blutes

Wahrheit

Olivier Passan ist ein typischer Grangé-Protagonist (man hat beim Lesen die Verfilmung mit Jean Reno schon vor Augen): Gezeugt von drogensüchtigen Hippies, geboren unter einer Buddha-Statue, unglückliche Odyssee durch mehrere Heime, Selbstfindung in Japan, aktuell im Pariser Polizeidienst. Dort jagt er den "Geburtshelfer", einen Serienmörder mit Vorliebe für schwangere Frauen. Ist sein Berufsleben schwierig, so ist sein Privatleben auch kein Zuckerschlecken. Er und seine Frau Naoko bereiten gerade die Scheidung vor. Als wäre das nicht schlimm genug, beginnt auch noch jemand, der Frau und den Kindern nachzustellen. Sie verdächtigt Olivier. Olivier verdächtigt den Geburtshelfer. Es kommt alles ganz anders.

Die Handlung von Die Wahrheit des Blutes beginnt in Paris und verlagert sich nach Japan, beides dankenswerte Szenarien für einen Recherche-Freak, Weltenbummler und famosen Ortsbeschreiber wie Grangé. Kleinere Ungenauigkeiten verzeiht man dabei gerne. Problematisch wird es allerdings, wenn der Autor die Einzelschicksale seiner Figuren zu Volksschicksalen verallgemeinert: „Naoko Akutagawa (…) hatte die ganz normale Hölle aller japanischen Kinder durchgestanden (…): Schläge mit dem Gürtel, eisige Duschen sowie Schlaf- und Nahrungsentzug.“ Dem Rezensenten sind mehrere japanische Erwachsene in Frau Akutagawas Alter bekannt, die diese „ganz normale Hölle aller japanischen Kinder“ irgendwie gar nicht mitbekommen haben.

Doch wenn man Die Wahrheit des Blutes nicht als repräsentative Studie über asiatische Kindererziehung liest, sondern als ausgedachten Unterhaltungsroman mit der Grangé-typischen, opernhaften Übertreibung in Ausdruck und Inhalt, dann liest man eine überraschend kunstvolle Verquickung von Psychodrama und Psychothriller, die in der Auslotung des Innenlebens ihrer Figuren eine Genauigkeit und Wahrhaftigkeit erreicht, die sie in ihren kulturellen Exkursen manchmal vermissen lässt. Darüber hinaus ist die Geschichte überaus originell strukturiert. Der Leser sollte kein Feind von Überraschungen sein.

-- ANe

Eisenkinder: Die stille Wut der Wendegeneration

EisenkinderWie ist es, wenn ein komplettes Weltbild plötzlich wegbricht? Wenn Eltern und andere Autoritätspersonen von einem Tag auf den anderen arbeitslos zu Hause sitzen? Wenn man aus der Familie keine kompetente Unterstützung erhalten kann, einfach weil niemand Erfahrung mit dem neuen Wertesystem hat?

Sabine Rennefanz beschreibt in Eisenkinder all das und geht noch einen Schritt weiter: Sie fragt, wie das entstandene Vakuum gefüllt wurde. Viele junge Menschen fanden ihren eigenen Weg. Andere ließen sich auf einfache Lösungen ein. Im Falle der Autorin war dies die Religion. In anderen Fällen waren dies Parteien, gelegentlich auch die am äußersten rechten Rand. Die Autorin spürt der Frage nach, ob sich die junge Wendegeneration bewusst für einen Weg entschied oder ob dieser nicht vielmehr dadurch vorgegeben wurde, wer ihr einfache Antworten anbot. Kurz gesagt: Hätte sich die Autorin auch einer rechten Gruppe angeschlossen, wenn diese sie vor der religiösen Gruppe angesprochen hätte, bei der sie schließlich vorübergehend eine Heimat fand?

Wer in den 1970er oder 1980er Jahren in der DDR geboren wurde, wird in Eisenkinder viel Bekanntes entdecken. Für alle anderen gibt das Buch interessante Einblicke und kann vielleicht auch ein wenig Verständnis wecken. Rennefanz Buch überzeugt durch den gut verständlichen Ausdruck und gewinnt durch behutsam eingesetzte Tagebucheinträge an Authentizität. Ob es die im Untertitel genannte "Wut der Nachwendegeneration" adäquat analysieren kann, ist zumindest fraglich.

--SMi