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Rezension

Ben Winters: Der letzte Polizist

WintersMan stelle sich vor, es ist Weltuntergang und einer löst noch Kriminalfälle. So einer ist Detective Hank Palace. Warum ihm sechs Monate vor einem verheerenden Asteroideneinschlag daran gelegen ist, einen Mörder zu fassen, der seine gerechte Strafe eh nicht mehr erleben wird, liegt eigentlich auf der Hand: In den letzten Tagen der Menschheit macht jeder, was er schon immer machen wollte. Und Hank wollte schon immer Kriminalfälle lösen.

Das ist der clevere Ausgangspunkt von Ben Winters‘ präapokalyptischem Kriminalroman Der letzte Polizist. Detective Palace mag nicht glauben, dass der Versicherungsangestellte, der mit einem Gürtel erhängt in der Toilette eines Fast-Food-Restaurants gefunden wurde, Selbstmord begangen hat. Seine Ermittlungen ergeben, dass das Opfer nicht so bieder gelebt hatte, wie es zunächst den Anschein hat. Drogen und sogar der Asteroid Maia, der bald noch einigen Menschen mehr den Garaus machen soll, spielen eine Rolle. So schafft Winters eine glaubwürdige Verquickung seines Science-Fiction-Themas mit der traditionellen Krimihandlung, ohne dass eines von beidem zum Gimmick verkäme. Das Kurz-vor-Endzeit-Szenario ist konsequent durchdacht und bleibt genau das: ein Szenario. Es beeinflusst die Story, aber es buttert sie nicht unter. Im Kern bleibt das Ganze klassische Kriminalliteratur mit einem stoischen Ermittler inklusive problematischen Familienverhältnissen, einer Femme Fatale und allerlei anderen Lügnern.

Der letzte Polizist ist der erste Band einer geplanten Trilogie. Wer aufmerksam liest, dem mögen Zweifel kommen, ob das Ende der Welt tatsächlich in so trockenen Tüchern steckt, wie der Menschheit weisgemacht wird. Aber vielleicht ist das nur eine falsche Fährte oder lebenshungrige Überinterpretation. Wie auch immer es ausgeht: Wenn es so weitergeht, folgt man dem letzten Polizisten gerne bis zu seinem letzten Fall.

-- ANe

Familienduell des Grauens: Doctor Sleep vs. Christmasland

LandDer Horrorautor Joe Hill hatte sich einst sein Pseudonym gewählt, weil er nicht mit seinem Vater verglichen werden wollte. Kein Wunder, wenn der Vater Stephen King ist. Es hat geholfen: Hill durfte zu einer eigenständigen Größe im Genre werden, bevor die ganze Sache aufflog. Mit seiner neuen Veröffentlichung allerdings kann er sich den Vergleichen nicht mehr entziehen, denn Christmasland ist mit seinem epischen Umfang, seinem übersinnlich begabten Provinzpersonal, seiner dämonischen Unterwanderung des amerikanischen Traums und seinen Entwicklungsroman-Themen verdächtig nah am Werk des Vaters. Da dieser Tage außerdem Stephen Kings neuer Großroman Doctor Sleep erschienen ist, liegt es nahe, beide Bücher in einem Kampf über 7 Runden gegeneinander antreten zu lassen.

Runde 1: Die Geschichte

Christmasland heißt das schaurige Zwischenreich in Joe Hills Roman, in das ein anscheinend unsterblicher Unhold und sein nicht allzu heller aber umso brutalerer Handlanger mit ihrem bösen Automobil Kinder entführen, die dort über kurz oder lang zu gefühllosen kleinen Monstern werden. Als der Sohn der übersinnlich begabten Vicky entführt wird, macht sie sich auf, dem finsteren Mr. Manx das Handwerk zu legen.Sleep
Doctor Sleep ist der Spitzname von Dan Torrance, weil er mit seinen übersinnlichen Begabungen Sterbenden beim letzten Einschlafen hilft. Dem ähnlich begabten Mädchen Abra hingegen muss er nicht beim Sterben helfen, sondern beim Überleben. Eine Bande vampirartiger Schwerenöter hat es auf die Energie abgesehen, die Kinder wie sie im Todeskampf abgeben.
Hills Geschichte ist zielgerichteter, schnörkelloser als die seines Vaters, wodurch sie lange Zeit die Nase vorn hat. Denn King mäandert und verweilt auf Wegen und Plätzen, die nicht immer rasend interessant sind. Auf den letzten Metern aber holt er auf und zaubert überraschende Enthüllungen und kluge Verweise auf den Vorgänger-Roman Shining aus dem Hut, wodurch in dieser Runde beide Autoren gerade noch gleichziehen und einen Punkt bekommen.

Runde 2: Die Stimme

Wenn man einen Stephen-King-Roman liest, weiß man sofort, dass man einen Stephen-King-Roman liest – selbst wenn man es nicht weiß. Des Autoren Plauderton ist unverkennbar. Wenn er gut drauf ist, hört man ihm gebannt zu. Wenn er sich zu sehr bemüht, wird er unangenehm aufdringlich. In Doctor Sleep hat King den Stil, der ihn zu Recht reich und seine Leser glücklich gemacht hat, souverän im Griff.
Joe Hills Stil ist nüchterner, weniger verbindlich, geht weniger Risiko ein. Damit liegt man im Zweifelsfall nie verkehrt. Gewinnt aber im Vergleich mit einem höchst unikalen Meistererzähler keinen Blumentopf, denn dieser Punkt geht eindeutig an Stephen King.

Runde 3: Die Guten

Dan Torrance und Abra sind eckige und kantige King-Charaktere, mit denen man gerne 700 Seiten und mehr verbringt. Joe Hills Vicky allerdings, diese gebrochene Frau, die wir schon als tapferes Mädchen kennengelernt haben, werden wir nie vergessen. Ein Punkt für den Sohnemann.

Runde 4: Die Bösen

Das Dämonische Duo und die Monster-Kinder von Christmasland gewinnen an Substanz, je mehr sich die Ereignisse zuspitzen. Anfangs allerdings scheinen sie viel zu lang reine Oberfläche zu sein; als käme es Joe Hill vor allem darauf an, dass seine Geschöpfe cool auf einem Filmplakat aussähen.
Stephen Kings Vampir-Wesen hingegen sind von Anfang an über-erklärt und wir müssen so viel Zeit mit ihnen verbringen, dass ihnen eher der Schrecken lästiger Verwandter als blutrünstiger Ungeheuer anhängt. Dann doch lieber noch ein Punkt für Joe Hill.

Runde 5: Der Subtext

Doctor Sleep ist ein Roman über Abhängigkeit, Christmasland ist einer über Missbrauch. Hill opfert sein Thema mitunter dem grellen Effekt, während King es stets ernst nimmt, ob beim Alkoholiker Dan Torrance oder den anderweitigen Substanzabhängigkeiten der Antagonisten. Ein klarer Punkt für den King.


Runde 6: Der Horror

Würde Christmasland auf alles Übernatürliche verzichten, was durchaus denkbar wäre, wäre der Roman weitaus erschreckender. Vielleicht sogar unerträglich und nicht mehr als Unterhaltungsliteratur vertretbar. Genau das weiß Joe Hill, genau deshalb hat er den Fantastik-Filter eingesetzt und genau deshalb funktioniert sein Buch als Horror-Roman.
King hat inzwischen ein so festes Regelwerk um seine Shining-Mythologie geschnürt, dass ihr die Luft fehlt, die der Schrecken zum Atmen braucht. Dies mag gelungene Fantasy sein, aber für den Horror fehlt das Geheimnis, der dunkle Fleck. Ein Punkt für Hill.

Runde 7: Die Verweise

Vater und Sohn haben es sich nicht nehmen lassen, in ihren Romanen auf die eigenen Werke und die des anderen zu verweisen. King tut dies kunstvoll, ihm scheint wirklich an der Schaffung eines gemeinsamen, schlüssigen Erzähl-Universums gelegen. Bei Hill hingegen kommen King-Anspielungen als plumpes Seitenknuffen und Augenzwinkern daher, was einen eher aus der Geschichte rausbringt als in eine größere hinein. Dafür ein Punkt für Stephen King.

Damit steht es letztendlich 4:4. Man wird wohl doch nicht umhin kommen beide zu lesen.

-- ANe

Khaled Hosseini: Traumsammler

Traumsammler

Drei Romane, dreimal Afghanistan, dreimal Geschichten von suchenden und verlorenen Menschen. Khaled Hosseini gehört zu den Autoren, die sich immer wieder am selben Themenkomplex abarbeiten. Einer seiner Beweggründe ist von jeher klar: Er ist ein Mann mit einem Anliegen. Er will Afghanistan und insbesondere Kabul von den Schreckensmeldungen und Elendsbildern der internationalen Nachrichtenproduktion lösen. Das tut er nicht, indem er den Schrecken und das Elend schönredet, sondern es in historische Zusammenhänge setzt. Indem er von Menschen erzählt, die nicht einfach nur Täter oder Opfer sind, und auch vom facettenreichen kulturellen Leben vor Sowjet-Besatzung und Taliban-Herrschaft. Mit Traumsammler wird ein weiterer legitimer Beweggrund deutlich, sich immer wieder auf dasselbe Thema zu stürzen: Man schreibt und schreibt und schreibt, um zu verfeinern. Drachenläufer und Tausend strahlende Sonnen waren beeindruckende, atemlose und atemberaubende Geschichten, bei denen sich das Literarische dem Erzählten unterordnen musste. In Traumsammler wird nun die Erzählwut ein wenig gedrosselt, dafür hält eine größere erzählerische Finesse Einzug.

Mit drei Jahren wird das Mädchen Pari von ihrem notleidenden Vater an einen wohlhabenden Kabuler und seine exaltierte Dichter-Gattin verkauft. Ihr zehnjähriger Bruder Abdullah bleibt mit gebrochenem Herzen beim Vater auf dem Land. Pari kann sich bald an ihre frühe Kindheit nicht mehr erinnern. Sie geht mit ihrer Ziehmutter nach, nomen est omen, Paris. Sie wird zur Frau, überwirft sich mehrmals mit der Mutter, gründet eine eigene Familie. Letzteres tut Abdullah ebenso, ihm wird eine Tochter geboren, er nennt sie Pari. Die junge Pari ist eine von einigen Personen, die eine späte Wiedervereinigung der Geschwister herbeiführen könnte.

Wie in seinen ersten beiden Romanen schafft Hosseini es, eine hochemotionale Geschichte ohne falsche Sentimentalität zu erzählen, und ohne seine Figuren und Leser mit einem plumpen Happy End zu beleidigen. In erster Linie ist die Geschichte aber diesmal ein Gefäß für mehrere Geschichten, die episodenhaft wiedergegeben werden, munter zwischen Orten, Zeiten und Perspektiven springend. Hosseini trifft die feinen Tonänderungen, die bei jedem Perspektivwechsel nötig sind, perfekt. Trotz der breitgefächerten Handlung hat man nie den Eindruck, es mit stilistischem und narrativem Flickwerk zu tun haben. Traumsammler bleibt ein Roman, selbst wenn die Struktur an eine Novellensammlung mit wiederkehrenden Figuren und Motiven erinnert.  Die Beschreibungen von städtischen und ländlichen Umgebungen sind kitschlos poetisch, die Figuren sind nie nur das, was sie bei der ersten Begegnung zu sein scheinen. Ein großer Erzähler war Khaled Hosseini schon immer. Mit Traumsammler ist aus ihm auch ein großer Schriftsteller geworden.

-- ANe

William Boyd: Solo

Solo

Filmisch geht es James Bond seit einigen Jahren wieder prächtig, aber literarisch scheint er in einer Identitätskrise zu stecken. Seit sich mit Raymond Benson 2002 der letzte festangestellte Bond-Romanautor verabschiedete, setzen die Rechteverwalter bei neuen Titeln auf Event-Charakter statt Kontinuität. So wird alle paar Jahre ein neuer Promi aus dem Hut gezaubert, der ein Buch nach eigener Fasson schreiben darf, ohne Rücksicht auf zuvor Geschehenes. 2008 blamierte sich Sebastian Faulks beim Versuch, mit der Stimme Ian Flemings zu sprechen. Jeffery Deaver gebar 2011 den Agenten gleich ganz neu, als moderne Figur in modernen Zeiten. Eine überraschend runde Sache, aus der gerne eine Serie hätte werden können. Nun allerdings ist mit William Boyd der nächste Gast-Starautor dran, der wieder sein eigenes Süppchen kocht und die Figur heim in die 60er holt. Das ist zwar schade um die verpasste Gelegenheit zu einer neuen Kontinuität. Ein Vergnügen ist Solo dennoch.

James Bond wird in das (fiktive) afrikanische Land Zanzarim berufen, um einen Despoten aus dem Weg zu schaffen und damit einen Bürgerkrieg zu beenden. Es kommt zu einer Auseinandersetzung mit einem Söldner, dem Bond nach Beendigung der Mission zwecks persönlicher Rache in die USA nachreist. Dabei muss er feststellen, dass in Afrika nicht alles war, was es gewesen zu sein schien.

Das Hauptaugenmerk liegt bei Boyd, wie bei Bond-Erfinder Ian Fleming, nicht auf überzeichneter Action, sondern auf der wendungsreichen Handlung und der lebendigen Schilderung der internationalen Schauplätze und des mondänen Lebensstils eines kosmopolitischen Schwerenöters. Dabei ist Solo ein Bond-Roman mit der Betonung auf Bond. Wir erleben Bond nicht nur als Abenteuerfigur, sondern auch als Liebenden (also nicht nur, wie zu erwarten, als Liebhaber), Mieter (seine Wohnung wird renoviert) und Zweifler (mit 45 fühlt er sich langsam zu alt für seine anspruchsvollen Aufgaben). Die Geschichte schreitet im angenehmen mittleren Tempo eines klassischen Spionagekrimis voran, ein Genre, das Boyd beherrscht. Genauso souverän beherrscht er die Beschreibung des Lebensgefühls im London der ausschwingenden 60er und der Zustände in afrikanischen Krisengebieten (Boyd wuchs in Ghana und Nigeria auf). Die Überraschungsversuche der Handlungswendungen sind unterschiedlich erfolgreich. Der scheinbare Verrat einer vertrauten Figur und ihre folgende Rehabilitierung sind ebenso sichere Bond-Bretter wie der anschließende Beischlaf zur Wiedergutmachung und der tragische Todesfall, der gerächt werden will. Auch wenn sie einem nicht vor Erstaunen die Sprache verschlagen: Dramaturgisch sind die Wendepunkte glänzend gesetzt und geben den Rhythmus für den bislang gelungensten Bond-Roman der Post-Benson-Ära vor.

-- ANe

Marisha Pessl: Die amerikanische Nacht

AmerikanischenachtÜberraschung gelungen: Marisha Pessl, das literarische Wunderkind von 2006, hat mit ihrem lang hinausgezögerten zweiten Roman Die amerikanische Nacht tatsächlich einen lupenreinen, waschechten, spülmaschinenfesten Schauerroman abgeliefert. Dass Vertreter der höheren Literatur mitunter von ihren Rössern hinabsteigen und, gern mit etwas gönnerhaftem Gestus, einen Abstecher in die vermeintlichen Niederungen der Genre-Literatur wagen, ist beileibe nichts Neues. Doch meist missbrauchen sie die Genre-Konventionen für literarische Fingerübungen und augenzwinkernde Meta-Spielchen. Nicht so Pessl: Ihr Roman hat keine Ambitionen über den Schauer hinaus, keinen doppelten Boden mit verstecktem Subtext. Zumindest nicht mehr, als ein anständiger Schauerroman haben sollte.

Im Mittelpunkt der Geschichte steht der augenscheinliche Selbstmord von Ashley Cordova, Tochter von Stanislas Cordova, einem kultisch verehrten und extrem öffentlichkeitsscheuen Regisseur verstörender Filme, eine Art Mischung aus Dario Argento, Thomas Pynchon und Aleister Crowley. Ein Investigativjournalist nach dem Karriereknick, ein gescheiterter Musiker und eine verhinderte Schauspielerin glauben, dass hinter Ashleys Tod ein düsteres Geheimnis steckt. Sie stellen eigene Ermittlungen an, machen sich auf die Suche nach dem ominösen Vater.

Gestalterisch hebt sich Die amerikanische Nacht ein wenig vom Durchschnittsroman ab, denn der Text wird immer wieder unterbrochen von faksimilierten Dokumenten, etwa Zeitungsartikeln oder Webseiten. Letztendlich ist diese Form des Erzählens aber keine bedeutende Innovation gegenüber klassischen Brief- und Tagebuchromanen, spätestens seit Dracula ein beliebtes Stilmittel des Grusel-Genres. Neu ist allenfalls die liebevolle Durchgestaltung der fiktiven Dokumente. Nicht ganz zu Unrecht wirft das die Frage auf, ob die Autorin aufs Zeigen zurückgreifen muss, weil sie ihrem Erzählen nicht vertraut. Tatsächlich wirkt die Sprache mitunter verdächtig simpel, neigt gar zu schiefen Bildern und faulen Vergleichen. Man sollte das Marisha Pessl allerdings nicht ankreiden, sondern ihrem Talent zugutehalten: Hier spricht schließlich nicht sie selbst als allwissende und eloquente Erzählerin, sondern ein Ich-Erzähler, der nach allem, was wir von ihm wissen, nicht die hellste Leuchte im Schuppen ist. Der gelegentliche visuelle Ausbruch aus dem reinen Text mag nicht unbedingt notwendig sein, ist aber schlicht und einfach eine willkommene Abwechslung in einem Schmöker von 800 Seiten. Man hätte eher noch mehr davon Gebrauch machen dürfen, als ganz darauf zu verzichten.

Inhaltlich fährt Pessl das volle Grusel-Programm inklusive schwarzer Magie, Verschwörerzirkel und unheimlicher Anwesen auf. Kurz vor Schluss jedoch scheint es, als sei man doch nur einem literarischen Trick auf den Leim gegangen. Da tauchen plötzlich Lösungen auf, die weit vom Schlimmsten, was man sich vorgestellt hat, entfernt sind. Die tote Tochter, die verschwundenen Kinder, die Verbrennungsöfen – scheinbar gibt es nun Erklärungen, die zwar von menschlicher Tragik künden, aber nicht unbedingt von unmenschlichem Horror. Vielleicht wollte die Autorin dem Leser nur den Spiegel vorhalten, ihn als voyeuristisches, vorurteilsbehaftetes, nach größtmöglichem Elend gierendes Biest entlarven?

Doch nichts löst sich in eitel Sonnenschein auf. Mit nur wenigen geschickten Zügen wird das Geschehen zurückmanövriert ins Dunkle, Ungewisse, wo es für immer bleiben wird. Wer sein Heil in Auflösungen und Erklärungen sucht, wird mit einem anständigen Schauerroman nicht glücklich. Und Die amerikanische Nacht ist ein anständiger Schauerroman. Zum Glück.

-- ANe

Jean-Christophe Grangé: Die Wahrheit des Blutes

Wahrheit

Olivier Passan ist ein typischer Grangé-Protagonist (man hat beim Lesen die Verfilmung mit Jean Reno schon vor Augen): Gezeugt von drogensüchtigen Hippies, geboren unter einer Buddha-Statue, unglückliche Odyssee durch mehrere Heime, Selbstfindung in Japan, aktuell im Pariser Polizeidienst. Dort jagt er den "Geburtshelfer", einen Serienmörder mit Vorliebe für schwangere Frauen. Ist sein Berufsleben schwierig, so ist sein Privatleben auch kein Zuckerschlecken. Er und seine Frau Naoko bereiten gerade die Scheidung vor. Als wäre das nicht schlimm genug, beginnt auch noch jemand, der Frau und den Kindern nachzustellen. Sie verdächtigt Olivier. Olivier verdächtigt den Geburtshelfer. Es kommt alles ganz anders.

Die Handlung von Die Wahrheit des Blutes beginnt in Paris und verlagert sich nach Japan, beides dankenswerte Szenarien für einen Recherche-Freak, Weltenbummler und famosen Ortsbeschreiber wie Grangé. Kleinere Ungenauigkeiten verzeiht man dabei gerne. Problematisch wird es allerdings, wenn der Autor die Einzelschicksale seiner Figuren zu Volksschicksalen verallgemeinert: „Naoko Akutagawa (…) hatte die ganz normale Hölle aller japanischen Kinder durchgestanden (…): Schläge mit dem Gürtel, eisige Duschen sowie Schlaf- und Nahrungsentzug.“ Dem Rezensenten sind mehrere japanische Erwachsene in Frau Akutagawas Alter bekannt, die diese „ganz normale Hölle aller japanischen Kinder“ irgendwie gar nicht mitbekommen haben.

Doch wenn man Die Wahrheit des Blutes nicht als repräsentative Studie über asiatische Kindererziehung liest, sondern als ausgedachten Unterhaltungsroman mit der Grangé-typischen, opernhaften Übertreibung in Ausdruck und Inhalt, dann liest man eine überraschend kunstvolle Verquickung von Psychodrama und Psychothriller, die in der Auslotung des Innenlebens ihrer Figuren eine Genauigkeit und Wahrhaftigkeit erreicht, die sie in ihren kulturellen Exkursen manchmal vermissen lässt. Darüber hinaus ist die Geschichte überaus originell strukturiert. Der Leser sollte kein Feind von Überraschungen sein.

-- ANe

Eisenkinder: Die stille Wut der Wendegeneration

EisenkinderWie ist es, wenn ein komplettes Weltbild plötzlich wegbricht? Wenn Eltern und andere Autoritätspersonen von einem Tag auf den anderen arbeitslos zu Hause sitzen? Wenn man aus der Familie keine kompetente Unterstützung erhalten kann, einfach weil niemand Erfahrung mit dem neuen Wertesystem hat?

Sabine Rennefanz beschreibt in Eisenkinder all das und geht noch einen Schritt weiter: Sie fragt, wie das entstandene Vakuum gefüllt wurde. Viele junge Menschen fanden ihren eigenen Weg. Andere ließen sich auf einfache Lösungen ein. Im Falle der Autorin war dies die Religion. In anderen Fällen waren dies Parteien, gelegentlich auch die am äußersten rechten Rand. Die Autorin spürt der Frage nach, ob sich die junge Wendegeneration bewusst für einen Weg entschied oder ob dieser nicht vielmehr dadurch vorgegeben wurde, wer ihr einfache Antworten anbot. Kurz gesagt: Hätte sich die Autorin auch einer rechten Gruppe angeschlossen, wenn diese sie vor der religiösen Gruppe angesprochen hätte, bei der sie schließlich vorübergehend eine Heimat fand?

Wer in den 1970er oder 1980er Jahren in der DDR geboren wurde, wird in Eisenkinder viel Bekanntes entdecken. Für alle anderen gibt das Buch interessante Einblicke und kann vielleicht auch ein wenig Verständnis wecken. Rennefanz Buch überzeugt durch den gut verständlichen Ausdruck und gewinnt durch behutsam eingesetzte Tagebucheinträge an Authentizität. Ob es die im Untertitel genannte "Wut der Nachwendegeneration" adäquat analysieren kann, ist zumindest fraglich.

--SMi

Jess Walter: Schöne Ruinen

RuinenSchöne Ruinen ist ein optimistischer Roman über das Scheitern. Der Titel geht zurück auf ein Zitat in einer Zeitschrift, das Richard Burton als "schöne Ruine" bezeichnete. Es könnte aber auch auf jede Figur des Romans zutreffen. Sie alle sind auf die eine oder andere Weise gescheitert: Als Schauspielerin, als Hotelier, als Musiker, als Schriftsteller, als Filmproduzent. Das heißt nicht, dass das Schicksal diese Menschen besiegt hätte. Ein verhinderter Schriftsteller kann ein guter Autoverkäufer werden. Eine Schauspielerin, die vergeblich auf den großen Durchbruch wartete, kann erfolgreich Schauspiel lehren. Ein Produzent kann nach der Filmkarriere immer noch schmuddeliges Reality-TV raushauen.

Wichtiger als die Frage nach der beruflichen Eignung ist doch die nach der Eignung als Mensch. Und da meint der Italiener Pasquale etwas vermurkst zu haben, als er 1962 die amerikanische Schauspielerin Dee Moray hatte ziehen lassen, die in seinem entlegenen Hotel untergetaucht war, unglücklich verliebt in und geschwängert von Richard Burton, der gerade in relativer Nähe Cleopatra drehte. Pasquale und Dee kommen einander menschlich nah, aber ihre eigenen Probleme stehen einer echten Romanze im Weg. Jahrzehnte später taucht Pasquale als alter, radebrechender Mann in Hollywood auf, um der Liebe noch eine Chance zu geben …

Man kann mit Schöne Ruinen anfangs hadern: Die Geschichte von der unglücklichen amerikanischen Schauspielerin im malerischen italienischen Seeort lässt sich an wie veredelte Chick-Lit, und die satirischen Seitenhiebe gegen Hollywood sind altbacken (altes Hollywood: hach, Frühstück bei Tiffany / neues Hollywood: würg, alles nur noch verfilmte Videospiele). Von Kapitel zu Kapitel allerdings wird deutlicher, was Jess Walter hier vorhat und warum die vermeintliche Schmonzette in den USA ein beträchtlicher Kritikerliebling war. Diese eine Geschichte ist in Wirklichkeit viele Geschichten. Mit der gleichen Sorgfalt, mit der die Geschichten von Dee und Pasquale erzählt werden, werden auch die der Menschen erzählt, die diese Geschichten beeinflussen. Und die Geschichten, die diese Geschichten beeinflussen. Das können die unmittelbaren Lebensgeschichten der Protagonisten des Buches sein, aber auch eine Kannibalenschnurre aus dem Wilden Westen, in der eine Romanfigur eine gute Drehbuchidee wittert, oder ein Auszug aus dem autobiografischen Kriegsroman, an dem eine andere Figur scheitert. Walters Kunst ist es, bei diesem großen Panorama immer den Überblick zu behalten, alles zu allem in Zusammenhang zu setzen und es durchgehend für den Leser interessant zu gestalten. Wer einmal gepackt ist, bleibt gepackt. Ganz egal, ob er eigentlich lieber über Kannibalen, Rockmusiker, italienische Fischer, amerikanische Autoverkäufer, Hollywood, Idaho oder Edinburgh liest.

Selbst auf den letzten Metern führt der Roman noch neue Figuren ein, bei denen man gerne etwas verweilt wäre. Aber dann wären aus über 400 Seiten möglicherweise über 800 Seiten geworden. Es spricht für Schöne Ruinen, dass einen das eigentlich nicht gestört hätte.

-- ANe

Mo Yan: Frösche

FroescheDie Verleihung des Literaturnobelpreises 2012 an den chinesischen Schriftsteller Mo Yan sorgte erst für Überraschung (wieder kein Murakami/Roth/Dylan/Favorit XY), dann für leichtes Unwohlsein bis mittlere Empörung: Zu sehr sei seine Karriere von der Kommunistischen Partei Chinas begünstigt, zu wenig spreche er gegen das Unrecht in seinem Land, zuletzt sprach er sich sogar noch einigermaßen deutlich für Zensur aus.  

Die Kritik ist nicht ganz unberechtigt, nur leider ist sein Roman Frösche großartig.

Der Titel geht zurück auf den Gleichklang der chinesischen Worte für "Kinder" und "Frösche", und dabei ist man gleich beim Thema der Geschichte: Chinas Ein-Kind-Politik. Die Schlüsselfigur und roter Faden, wenn auch nicht Hauptfigur, ist die anfängliche Geburtshelferin Gugu, die zusehends zur gefürchteten Vollstreckerin von Zwangsabtreibungen wird. Sie ist ein Wendehals vor dem Herrn, hängt ihre Nase stets nach dem Pekinger Regierungswind, ist je nach politischem Zeitgeist überzeugte Kommunistin, Sozialistin, Kapitalistin. Reue zeigt sie erst in hohem Alter, die Sympathien des Lesers hat sie da längst verspielt.

Trotz der schrecklichen Gugu und ihrer schrecklichen Taten ist es ein großer Spaß, Frösche zu lesen. Als positiv geschwätziger Briefroman konzipiert, sprudelt die Erzählung geradezu über vor Mitteilungsdrang, berichtet atemlos vom Schicksal einer Dorfgemeinschaft über Jahrzehnte hinweg, von der Zeit, in der Kohle essen besser war als gar nichts essen, bis in die Smartphone-Gegenwart. Dabei hat man Anteil am Werdegang verschiedener Figuren, deren Schicksale mit dem Wirken Gugus verbunden sind. Sei es, dass sie von ihr auf die Welt gebracht wurden, oder dass ihre eigenen Kinder von ihr genommen wurden, oder beides.

Ein psychologischer Roman ist Frösche nicht, das muss er auch nicht sein. Warum eine Figur welche Wandlung durchmacht, so es überhaupt Wandlungen gibt, wird nicht thematisiert. Es ist ein Roman, in dem Ereignis auf Ereignis folgt, und so ein großes politisches und gesellschaftliches Panorama Chinas der jüngsten Vergangenheit gezeichnet wird anhand vermeintlich kleiner Schicksale. Das alles in einer Sprache, die selbst dem Grauen Schmöker-Qualitäten abringt, ohne es zu banalisieren.

Es bleibt legitim, wahrscheinlich sogar unbedingt notwendig, Mo Yans politische Rolle und seine öffentlichen Äußerungen kritisch zu hinterfragen. Allerdings: So suspekt einem der Mensch sein mag (das eitle Nachwort des Romans schafft kaum Abhilfe), so begnadet ist der Literat. Der Literaturnobelpreis zeichnet kein politisches Engagement aus, sondern ein literarisches Werk. Mo Yan hat ihn völlig zu Recht erhalten, Frösche ist der beste Beweis.

-- ANe 

Monika Zeiner: Die Ordnung der Sterne über Como

Die Ordnung der Sterne über Como

„Ich hatte eine Sternschnuppe gesehen am See. Ich hatte mir gewünscht, dass die Bahn frei wäre für uns. Ich hatte damals gedacht, dass das Schicksal gut wäre, für uns da wäre, dass es alles so fügen würde, dass es irgendwie für alle passt.“ (Quelle: Die Ordnung der Sterne über Como, Monika Zeiner)

Tom Holler ist ein geachteter Pianist, dessen Leben gerade einen neuen Tiefpunkt erreicht hat. Seine Frau Hedda hat sich von ihm getrennt und jede bis dahin noch vorhandene Ordnung scheint sich im Nichts aufzulösen.  Da kommt ihm eine Italien-Tour mit seiner Jazzband, die ihn zumindest vorübergehend aus seiner Lethargie reißen soll, genau recht. Dann meldet sich auch noch Betty Morgenthal, die mittlerweile in Neapel wohnt und gerne Toms Konzertaufenthalt zu einem Wiedersehen nutzen möchte. Die Kontaktaufnahme katapultiert Tom in alte Zeiten zurück.

Betty war einst die Freundin seines besten Freundes Marc. Zu dritt haben sie die Zeit ihres Lebens in einer gemeinsamen Musiker-WG in Berlin verbracht. Was hat dieses gemeinsame Leben damals zerstört? Kann Tom noch einmal dort anknüpfen, wo sich ihre Wege getrennt haben?


Monika Zeiner hat die Geschichte einer modernen Männerfreundschaft geschrieben, die über das übliche gemeinsame Biertrinken und Fußballabende weit hinausgeht. Die Liebe zur Musik verbindet Marc und Tom tief, sowie die Vorstellung von einem unkonventionellen, nicht bürgerlichen Leben. Klar ist, dass auch für diese Freundschaft und für den Lebensentwurf Grenzen existieren.

Der Roman ist überaus spannend, überzeugt mit seiner poetischen Sprache und bietet eine Projektionsfläche für Romantiker. Die wohlüberlegte Zeichnung der Charaktere und auch die Schilderung der Lebensatmosphäre Berlins und Neapels sind beeindruckend.

Es ist bestimmt kein Zufall, dass Monika Zeiner für diesen Debütroman bei der diesjährigen lit.Cologne mit einem Preis ausgezeichnet wurde und als Leser kann man sich zukünftig hoffentlich auf weitere Bücher aus ihrer Feder freuen.

--FEd