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Rezension

Ian McDonald: Cyberabad

Cyberabad

Indien ist ein großes Land mit vielen Menschen, das Autoren immer wieder zu dicken Büchern mit vielen Figuren ermutigt. Wer gegenüber modernen Klassikern wie Rohinton Mistrys A Fine Balance ebenso wenig Berührungsängste hat wie bei Abenteuerschmökern à la Shantaram, sollte schon mal Platz im Kalender freihalten für Ian McDonalds Cyberabad, dessen Ambitionen irgendwo dazwischen liegen.

Im Jahr 2047 ist Indien technisch erwartungsgemäß ganz vorne dabei, aber die Zustände vor Ort sind desolater denn je. Die Konflikte zwischen Arm und Reich, den Kasten, Geschlechtern, Regionen und Religionen haben sich noch verschärft. Dass nun auch noch ein neues Geschlecht (das geschlechtslose) und künstliche Intelligenzen auf ihre Rechte pochen, hat gerade noch gefehlt. Die Entdeckung eines seltsamen Artefaktes im Weltall, das offenbar seit Millionen von Jahren Bilder dreier momentan lebender Erdenmenschen gespeichert hat, verheißt ebenfalls nichts Gutes. Dass alles mit allem zusammenhängt, werden im Verlauf von 800 Seiten (in Papierweltterminologie gesprochen) die vielen Figuren des Romans erfahren, darunter ein opportunistischer Straßenschurke, ein strenger Polizist, eine energische Reporterin, ein geschlechtsloser Designer und ein mäßig begabter Bühnenkomiker, der unverhofft ein ominöses Technologieunternehmen erbt.

Cyberabad ist Science Fiction, aber man darf inzwischen auch „Spekulative Fiktion“ sagen, wenn einem Science Fiction zu schmutzig klingt. Obwohl hier von künstlicher Intelligenz und Teilchenphysik über Kampfroboter bis zu Signalen aus dem Weltall einiges an Genre-Standards aufgeboten wird, hält McDonald sich nicht lange mit pseudo-wissenschaftlichem Sermon auf, sondern erzählt vor reizvoller Asia-Snack-Neon-City-Kulisse acht zunächst autarke Geschichten, die von ihren starken Figuren getrieben werden, nicht von windigen Ideen. Man wird nicht jede dieser Figuren lieben, im Verlauf wird man seine Sympathien wahrscheinlich sogar mehrmals umverteilen, doch man kann sich keiner entziehen. Vom kleinen Gauner bis zum Staatsoberhaupt sind diese Charaktere so facettenreich wie die Welt, die McDonald eindrucksvoll und ohne unnötige Ausschweifungen beschreibt, und wie die Geschichte, die er darin erzählt. Mag die Geschichte auch als Sammlung einzelner Geschichten beginnen, so steuern diese doch recht schnell und zielstrebig aufeinander zu, vereinen sich nahtlos und kulminieren in einem funkelnden Feuerwerksfinale, in dem unter anderem eine wild gewordene Seifenoper die feindliche Übernahme der realen Realität versucht. Fragen Sie nicht, lesen Sie selbst.

-- ANe

Englische Bücher: John Irvings "In One Person"

InonepersonEin Mann, der ohne leiblichen Vater aufwächst, entdeckt in der Jugend seine Faszination für Ringkämpfe, Literatur und Geschlechtsverkehr. Nach der Schule geht er auf Selbstfindungstrip nach Europa, begegnet am Rande Dirnen und Bären, und wird schließlich ein erfolgreicher Schriftsteller.

Was in der nüchternen Beschreibung wie die Parodie eines John-Irving-Romans klingt, oder wie das erste Ergebnis des Prototypen eines John-Irving-Roman-Schreibautomaten, ist tatsächlich der neue Roman von John Irving, In One Person. Und das ist auch gar nicht schlecht so. Irving, frisch 70 geworden, ist nicht der einzige Autor, der sich oft bis meistens am selben Themenspektrum abrackert. Dabei immer wieder etwas Neues zu sagen, ist ungleich schwerer, als sich für jedes Buch ein gänzlich neues Feld zu suchen. In One Person wird als fiktive Autobiografie ihrer Hauptfigur, Billy Abbott, erzählt. Der Roman folgt also keiner klassisch romanhaften Handlung mit einem klaren Ziel und einem runden Ende. Stattdessen entwickelt die Geschichte ihre Spannung aus den Mysterien um diverse Nebenfiguren, welche der Ich-Erzähler mal aus den Augen verliert (das bleibt halt nicht aus im Leben), aber doch immer wieder trifft (man begegnet sich bekanntlich mindestens zweimal). Da wäre der Großvater, der nicht nur auf der Theaterbühne am liebsten Frauenkleider trägt. Oder die hinreißende Bibliothekarin, die mal Star des Wrestling-Teams war. Oder Irene, Billys beste Freundin mit den kleinen Brüsten und der großen Stimme. Und natürlich Kittredge, der unsensible Footballspieler, auf den beide scharf sind. Das ist typisches Irving-Personal, mit dem man gerne viel Zeit verbringt. Untypisch ist die Dramaturgie, die ohne größere Zufallsknalleffekte auskommt, und die Erzählstimme, die ganz unverblümt und immer wieder die Botschaft des Buches auf den Punkt bringt: Man beurteile Menschen gefälligst nicht nach ihrer sexuellen Identität. Irving hatte schon immer die Angewohnheit, seine politischen Ansichten seinen Figuren in den Mund zu legen. An den Ansichten war selten etwas auszusetzen, allein die literarische Taktik etwas plump. Hier passt es. In One Person ist ein explizit politischer Roman, der mit klarer Stimme klare Wort spricht. Früher scheiterte Irving mitunter daran, vordergründig zu unterhalten und hintenrum Botschaften zu vermitteln. Dem neuen Buch hingegen gelingt es hervorragend, deutlich seine Botschaft loszuwerden und hintenrum glänzend zu unterhalten.

Und die Bären? Da der Roman zu großen Teilen in der schwulen Gemeinde spielt, sind das vielleicht nicht die üblichen Irving-Bären.

-- ANe

Das doppelte Lottchen in der Psychoklinik

Himmelstal

Himmelstal ist eine idyllische Kurklinik, hoch droben in den Schweizer Alpen, wo sich ausgebrannte Besserverdiener bei Golf und Gourmetspeisen von ihren Zivilisations-Wehwehchen erholen. Das glaubt zumindest Daniel, als er dort seinen Zwillingsbruder besucht. Der windige Max hat ihn nicht ganz ohne Hintergedanken eingeladen: Um in der Außenwelt ein paar Dinge zu erledigen, möchte er mit ihm vorübergehend die Identität tauschen. Max würde als Daniel kurz mal das Klinikgelände verlassen, und Daniel lässt es sich als Max eine Weile im Alpenidyll gutgehen. Es kommt, wie es kommen muss: Max ist bald über alle Berge, und in Himmelstal glaubt Daniel keiner, dass er Daniel ist. Doch es kommt noch dicker: Weder ist Himmelstal eine einfache Kurklinik, noch sind die Patienten bzw. Insassen harmlose Kurgäste. Daniel will nur weg, aber unsichtbare Elektrozäune, skrupellose Wissenschaftler, gefährliche Mitgefangene und undurchschaubare Dorfbewohner erschweren die Flucht.

Trotz der schwedischen Herkunft der Autorin Marie Hermanson muss man nicht befürchten, einen landestypischen Krimi um melancholische Polizisten mit Ehe- und Alkoholproblemen untergejubelt zu bekommen. Es gibt in Himmelstal gar keine Polizisten. Wenn Daniel sich nicht selbst hilft, wird ihm keiner helfen. Aus dieser Ohnmacht erwächst die Spannung des Romans. Hier wird nicht auf das klassische Suspense-Prinzip gesetzt, bei dem der Leser einen Informationsvorsprung gegenüber dem Protagonisten hat. Stattdessen ist er genauso rat- und hilflos wie der vermeintliche Patient und erlebt die Romanhandlung auf Augenhöhe. Selbstverständlich liegt es dennoch in der neunmalklugen Natur des Lesers, sich mitunter für klüger als die Autorin zu halten und Lücken im Logikgeflecht auszumachen. Jedes Mal beweist die Autorin aber wenig später, dass das ein Trugschluss war und sie alle Eventualitäten bedacht hat.

Genauso stimmig wie die Handlungskonstruktion ist die Sprache. Sie wirkt fast wie chirurgisch von jedem Überfluss befreit, wodurch eine kunstfertige Kühle entsteht, die nichts mit dem schnöden-spröden Stakkato zu tun hat, das weniger versierte Thriller-Autoren mit einem ‚schnörkellosen Stil‘ verwechseln. Diese Kühle sorgt von den ersten Sätzen an für eine angemessen unheilvolle Grundstimmung, ohne dass sie den Figuren die Wärme nähme. So funktioniert Himmelstal vorzüglich als leiser, literarischer Thriller, der nicht mal im Finale inklusive Explosion so richtig laut wird. Weil er es nicht nötig hat.

 -- ANe

Ernest Cline: Ready Player One

ReadyErnest Cline, Autor von Ready Player One, braucht es gar nicht zu leugnen: Er ist Nostalgiker. Schlimmer noch: 80er-Jahre-Nostalgiker. Er schrieb das Drehbuch zur Star-Wars-Fandom-Klamotte Fanboys und ist schamlos stolzer Besitzer eines 82er DeLorean (Sie wissen schon, Flux-Kompensator). Nicht weiter verwunderlich, dass auch sein Debütroman tief verwurzelt ist in der Popkultur seines Lieblingsjahrzehnts – obwohl die Handlung rund 60 Jahre später spielt.

Im Jahr 2044 haben Kriege, Terror, Naturkatastrophen und Wirtschaftskrisen die wirkliche Welt unwirtlich gemacht. Deshalb flüchten sich die Menschen mit ihren Avataren lieber in die OASIS, eine gigantische virtuelle Welt für Beruf, Schule und Freizeit. Erschaffen wurde sie einst vom zwischenzeitlich verstorbenen Multimilliardär James Halliday, eine Art Mischung aus George Lucas und Bill Gates. Der hatte in seine Schöpfung ein Easter Egg eingebaut, also einen geheimen Bereich, wie Software-Entwickler ihn gerne als kleines Schmankerl für besonders findige Nutzer in ihre Werke integrieren. Der Clou am Clou: Wer das Easter Egg findet, erbt Hallidays gesamtes Vermögen. Seit Jahr und Tag beißt sich daran die ganze OASIS-Bevölkerung die Zähne aus, bis der junge Tunichtgut Wade Watts den ersten handfesten Hinweis findet. Halliday war, wie Wade, ein 80er-Jahre-Freak, und der Weg zu seinem Vermögen führt durch allerlei Filmzitate, historische Computerspiele und Schweinerockmusik.

Als bekannt wird, dass Wade dem Geheimnis auf der Spur ist, heften sich die jetzigen Betreiber von Hallidays alter Firma an seine Fersen. Um an das Vermögen zu kommen, schrecken sie vor keiner Untat zurück, nicht in der virtuellen und nicht in der wirklichen Welt. Aber um Wade, seinen besten Freund Aech und die Star-Bloggerin Art3mis formiert sich eine kleine Gruppe von Rebellen, die dem bösen Imperium gegen alle Chancen ordentlich Widerstand leisten wollen. 

Glücklicherweise ist Ready Player One keines dieser „Hach, Nutella!“-Nostalgiebücher geworden, sondern ein strukturell, stilistisch und inhaltlich überzeugendes Science-Fiction-Heldenepos mit einem schlüssigen Weltentwurf, unterscheidbaren Figuren und einer Geschichte, die bei aller Anspielungsfreude ihre Spannung in erster Linie aus sich selbst bezieht. Cline macht das Abstrakte meisterhaft dinglich; man vergisst im Nu, dass viele (nicht alle) der Gefahren nur das virtuelle Leben gefährden, und dass statt mit Schwertern und Schusswaffen eher mit Tasten und Joysticks gekämpft wird (virtuellen Tasten und Joysticks, denn das Buch spielt oft mit dem Spiel im Spiel). Löblich ist auch, dass der Autor beim Durchdeklinieren des 80er-Jahre-Trivialwissens nicht nur Amerika im Kopf hat, sondern ebenso japanische Riesenmonster und britische Komödianten zu Ehren kommen. Will man überhaupt einen Makel an Ready Player One finden, dann ist es wohl der, dass Cline keine Möglichkeit seines Stoffes ungenutzt lassen will und damit manche verschenkt. Der Einfallsreichtum ist schlichtweg so groß, dass zwischen Weltraumoper, Fantasy-Abenteuer, Jugendromanze und orwellscher Arbeitswelt-Satire der eine oder andere Einfall zu kurz kommt. Einigen Nebenfiguren wünscht man etwas mehr Raum zur Entfaltung, manchmal wird etwas zu beiläufig über Leichen gegangen, einige Konzepte sind so erklärungsbedürftig, dass sich insbesondere in der Frühphase manch Passage wie eine (immerhin amüsante) Gebrauchsanleitung liest. Dabei verletzt das eines der obersten Nerd-Prinzipien: Gebrauchsanleitungen sind für Weicheier!

Wer aber fest in der Zielgruppe verankert ist, kann dies als Erbsenzählerei abtun und sich freuen an einer cleveren Variante der klassischen Geschichte vom ewigen Kampf zwischen coolen Underdogs und uncoolen Kapitalisten. Und wer mit John-Hughes-Filmen und Textadventures aufwachsen musste, wird sich auch das eine oder andere nostalgische Magenflattern nicht verkneifen können. Das ist vertretbar, weil es eben nicht das einzige ist, was Ready Player One zu einem zukünftigen Klassiker der Geek-Literatur macht, der fortan wie Per Anhalter durch die Galaxis oder Der Herr der Ringe von Geek-Generation zu Geek-Generation weitergereicht werden wird.

 -- ANe

Bond Begins

Cb

James Bond scheint alterslos und unsterblich. Tatsächlich wäre der Gute aber heute irgendwo in seinen 90ern, da mag man es ihm kaum noch zumuten, ständig aus explodierenden Flugzeugen auf fahrende Züge zu springen und dann gleich mit der Schaffnerin in den Schlafwagen. Will man die Bond-Saga weiterspinnen, muss man entweder von einem rüstigen Rentner erzählen, oder die Erzählung in einem früheren Jahrzehnt ansiedeln.

Oder man erfindet die Figur einfach ganz neu. Das hat Jeffery Deaver im offiziellen Auftrag mit Carte Blanche getan. Der Roman spielt in unserer Gegenwart, der Ära von Al-Qaida und iPhone, und Bond ist wieder Anfang 30. Ein gewagter Ansatz. Da muss die Frage gestattet sein, ob man die Figur nicht der Beliebigkeit opfert und aus Gründen schnöder Gewinnmaximierung einfach einem neuen Serienagenten einen alten Namen verpasst.

Es kann Entwarnung gegeben werden: Der neue Bond ist der alte Bond. Nur in Neu. Dass er leicht liberalisiert wurde, hat nichts mit political correctness zu tun, sondern eher damit, dass sich in sechs Jahrzehnten mit der Gesellschaft eben auch die Menschen ändern. Der chauvinistische kalte Krieger aus Ian Flemings Romanen wäre in einem modernen Zusammenhang schlichtweg eine lächerliche Figur. Dass Bond nun Ex-Raucher statt Raucher ist, ist nur realistisch angesichts der Fitness, die er beim Weltretten ständig an den Tag legen muss. Auch dass er heute mehr Frauenversteher als Frauenverachter ist, fällt nicht so sehr ins Gewicht, wie man meinen könnte. In erster Linie ist er weiterhin Frauenklarmacher.

Dieser neue alte Bond soll in Carte Blanche einen möglichen Terroranschlag in Großbritannien vereiteln, der Tausende Todesopfer fordern könnte. Selbstverständlich wird das alles von internationaler Hand vorbereitet, weshalb der Agent seinen Reisepass zwischen Serbien, Dubai und Südafrika ständig im Anschlag haben muss.

Jeffery Deaver orientiert sich im gleichen Maße an den Romanen Ian Flemings, einem erklärten Vorbild, wie an der spektakuläreren Dramaturgie der Bond-Filme. Hier gibt es deutlich mehr Action und vordergründige Spannung als in den Original-Romanen, aber Bonds Genusssucht und die penible Recherche seiner Genüsse kommen ebenfalls nicht zu kurz. Deaver ist ein routinierter Thriller-Fabrikant, dem man schwerlich eine eigene Handschrift nachsagen kann, und damit war er genau die richtige Wahl, Bond ins neue Jahrtausend zu bringen. Er weiß, wie man einen Plot mit vielen überraschenden Wendungen strukturiert und mit schillernden Charakteren bestückt. Gegenüber dem Superhelden gibt es natürlich den Superschurken, der hier einige besonders unangenehme Vorlieben hat. Dessen Geliebte und eine südafrikanische Polizistin, die Bond widerwillig zur Seite steht, gehören zu den interessantesten Frauenfiguren des Bond-Universums. Auf alte Bekannte (in neuen Versionen) wie CIA-Kollege Felix Leiter, Miss Moneypenny und die Mitarbeiter der Abteilung Q muss freilich ebenfalls nicht verzichtet werden. Deaver hat keinen Deaver-Roman geschrieben, sondern einen Bond-Roman. Recht so, weitermachen.

-- ANe

Neil Cross: Luther - die Drohung

Luther

Warum sollte man einen Roman zu einer Fernsehserie lesen? Ein Grund für die Lektüre von Luther – die Drohung könnte sein, dass Verfasser Neil Cross nicht nur der Schöpfer und alleinige Drehbuchautor der Serie ist, sondern auch als Romancier einen guten Ruf hat. Ein weiterer Grund wäre, dass hier nicht TV-Handlung wiedergekaut, sondern die Vorgeschichte des BBC-Dramas erzählt wird. Der beste Grund aber ist, dass die Serie einfach so gut ist, dass man jedes bisschen Luther gierig aufsaugt, in welcher Form auch immer.

In London schleicht ein bizarres Vater/Sohn-Gespann um die Häuser, das Eltern mordet und Kinder entführt, um sie der eigenen unheiligen Patchwork-Familie einzuverleiben. Der temperamentvolle Polizist John Luther verbeißt sich in den Fall. Zum Schrecken seiner Kollegen und Vorgesetzten ist ihm für den guten Zweck manch böses Mittel recht.

Buch wie TV-Serie folgen in der Prämisse dem Columbo-Prinzip: Der Leser bzw. Zuschauer kennt den Täter von Anfang an. Die Spannung entsteht aus der Frage, ob der Ermittler auch dahinterkommt, und vor allem wie. Dieses ‚Wie‘ unterscheidet Luther dann aber doch vom gemütlichen Couchkrimi. Die Methodik dieses Ermittlers steht eher in der Tradition eines Dirty Harry Callahan als in der von „Ach, Ma'am, ich hätte da noch eine Frage …“ Auch ist der Haupttäter kein vornehmer Gentleman-Verbrecher, sondern eine überlebensgroße Serienmörderphantasie, die die Stadt mit Blut und Höllenschleim überzieht. Biografisch geht es schon beinahe in Richtung Freddy Krueger („Geboren von einer wahnsinnigen Hure!“).

Die Gefahr bei Romanadaptionen anderer Formate ist stets, zu viel beim Leser voraussetzen und zu wenig auf Eigenständigkeit zu pochen. Da die Geschichte von Luther – die Drohung vor den Ereignissen der Fernsehserie spielt, ist die Handlung selbstverständlich auch Neueinsteigern nachvollziehbar. Etwas anders sieht es bei der psychologischen Bindung aus: Ohne die wuchtige Präsenz von Schauspieler Idris Elba braucht es im Buch ein wenig länger, bis die Figur des John Luther Konturen gewinnt. Das macht aber fast gar nichts, denn Neil Cross erzählt die Geschichte so flott und eindringlich, dass sie auch ohne sofortige Komplettidentifikation mit der Hauptfigur trägt. Die Sprache ist ohne Schwulst und Schnörkel. Das ist die Sprache eines Autoren, der seiner Story und seinen Figuren vertraut und nicht auf stilistisches Blendwerk angewiesen ist. Die Story packt sofort. Die Figuren kommen später, dann aber umso gewaltiger. Wie schön, dass ein bisschen ungeduldige Recherche bereits das Untitled Luther Book Two für den Oktober in Aussicht stellt.

 -- ANe

Stephen King: Der Anschlag

DerAnschlag

Stephen Kings Der Anschlag ist gleich in zweierlei Hinsicht eine Zeitreise. Zum einen verschlägt es den Protagonisten in die Vergangenheit, zum anderen erinnert das Buch als solches an die (vermeintlich) vergangene Zeit, als Kings umfangreichere Werke noch den schmaleren vorzuziehen waren. In den Siebzigern und Achtzigern schuf Stephen King mit Romanen wie Das letzte Gefecht (für Kindle: auf Englisch) oder Es glänzend komponierte apokalyptische Schauerschwarten, die bei aller apokalyptischer Schaurigkeit so lebhaft und intim erzählt waren, dass man sie eher gelebt als gelesen hat. Darüber hinaus porträtierte und sezierte er die amerikanische Gegenwartskultur und Volksseele so genau wie kaum ein Zeitgenosse aus dem höheren Literaturkanon. Das war mehr als nur goldenes Handwerk, das war große Kunst. In den Neunzigern und Nullern gefielen dann eher verhältnismäßig kompakte Schocker wie die Zombie-Variation Puls oder der Psychothriller Das Spiel, während die Backsteinschmöker inhaltlich, sprachlich und dramaturgisch zunehmend banaler wurden. Es wurde gar so schlimm, dass man sich schon bang fragen musste, ob die frühere Begeisterung nicht eher der Jugend des Lesers als dem Können des Autors geschuldet war. Der Anschlag gibt Entwarnung: Es war keine frühkindliche Einbildung, King ist tatsächlich ein fesselnder wie profunder Langstreckenerzähler. Immer noch. Oder: Inzwischen wieder.

Der krebskranke Koch Al zeigt dem Lehrer Jack Epping ein Zeitloch in seiner Vorratskammer: Dadurch kann man in das Jahr 1958 reisen und wieder zurück. Greift man in der bereisten Vergangenheit in den Lauf der Geschichte ein, hat das Auswirkungen auf die Gegenwart. Allerdings nur bis zur nächsten Reise, an deren Beginn alles wieder in den Urzustand versetzt wird. Egal wie viel Zeit man in der Vergangenheit verbringt, bei der Rückkehr werden in der Gegenwart nur zwei Minuten verstrichen sein. Al hat einen Plan: Jack soll 1963 durch ein Attentat auf Lee Harvey Oswald das Attentat auf John F. Kennedy verhindern. Er müsste also mindestens fünf Jahre in der Vergangenheit verbringen, sich eine Identität aufbauen, einen Plan schmieden und sichergehen, dass Oswald tatsächlich Einzeltäter war.

Ein Testlauf zeigt, dass der Plan funktionieren könnte: Jack verhindert eine Familientragödie und die Biografien der Beteiligten entwickeln sich anders als zuvor. Also reist er wieder zurück, richtet sich in einem kleinen Ort bei Dallas häuslich ein, wird Lehrer, verliebt sich in die Bibliothekarin und plant seinen Mord. So einfach wie das klingt, ist es derweil nicht: Die Vergangenheit lässt sich ungern ändern und bietet von kleinen Irritationen bis zu großen Schicksalsschlägen einiges auf, um Jack die Tour zu vermasseln.

Wie zu erwarten war, kann sich King von seiner gewohnten Americana-Nostalgie nicht ganz freimachen. Früher waren die Menschen höflicher und trugen Hüte, Rock’n’Roll war Rock’n’Roll, und die Limo schmeckte noch wie Limo. Aber es braucht nicht lange, bis er die Kehrseite zeigt: ein unverheirateter Mann kann seinen Wagen unmöglich über Nacht vor dem Haus einer unverheirateten Frau parken, und öffentliche Toiletten sind nicht nur nach Geschlechtern, sondern auch nach Hautfarben getrennt. King glaubt zum Glück auch nicht an die Heilslehre von der Lichtgestalt JFK, die alles gut gemacht hätte, hätte man sie nur gelassen. Bei der Vermeidung des Anschlags geht es weniger um das direkte Wirken Kennedys, als um die indirekten Auswirkungen seines Weiterlebens. Schmetterlingseffekt ist hier das Stichwort: Kleine Ursache, große Wirkung. (Dieser Schmetterlingseffekt, liebe Kinder, geht übrigens nicht zurück auf einen Film mit Ashton Kutcher, sondern auf eine Kurzgeschichte von Ray Bradbury.)

Die Grundidee mag der Science Fiction entliehen sein, aber gottlob hält man sich nicht lange mit dem genreüblichen Klein-Klein um Raum-Zeit-Kontinuum-Paradoxien und hastenichgesehn auf. Es geht bei der Zeitreise-Thematik hier weniger um Logik-Spielereien, als um einen geeigneten Aufhänger für die Botschaft des Buches: Lerne aus der Vergangenheit, aber lebe in der Gegenwart. Es gibt zahlreiche klassische Spannungsmomente aus der Thriller-Literatur, in ihren drastischeren Höhepunkten kumulieren sie schon mal im Horror. Wie immer sind da auch jede Menge Querverweise auf andere Werke Kings. Was allerdings in anderen Büchern oft nur aufdringlich augenzwinkernder Fanservice ist, macht in Der Anschlag Spaß und bleibt stimmig. Die Ereignisse von Es hängen wie ein giftiger Dunst über der Stadt Derry. Langjährigen Lesern wird kaum entgangen sein, dass 1958 das Baujahr von Christine ist, und so taucht ein gewisser Straßenkreuzer an manchen Stellen als Vorbote unguter Entwicklungen auf. All das bringt einen nicht etwa aus der Geschichte raus, sondern zieht einen tiefer in den King-Kosmos hinein. Schlussendlich ist Der Anschlag vor allem eine Liebesgeschichte, aber als alleiniger Stempel wäre das zu wenig. Dieser dicke Roman, der kein Gramm Fett zu viel hat, passt in keine Schublade.

Auf der ewigen Stephen-King-Bestenliste nimmt Der Anschlag einen der obersten Plätze ein. Jetzt hat der Herr wieder ein paar schwächere Titel gut.

-- ANe

STAR WARS jetzt auf Kindle

Star WarsWir freuen uns, dass das große Weltraumabenteuer STAR WARS - die monumentale epische Saga - jetzt auf Kindle im eBook Format erhältlich ist, so z. B. Star Wars - Episode IV: Krieg der Sterne - Roman nach dem Drehbuch von Georg Lucas und fast 100 weitere Star Wars-Geschichten.

Es war einmal vor langer Zeit in einer weit, weit entfernten Galaxie

Mit diesen Worten fing damals ein Sci-Fi Epos der Spitzenklasse an, das auch heute noch viele Menschen rund um die Welt begeistert und eine riesige Anhängerschaft aufweist. Eine riesige Galaxie voller Aliens, Helden, Schurken und Raumschiffen. Alles fing mit dem Kampf der heldenhaften Rebellenallianz gegen das übermächtige Imperium am 25.5.1977 (US Kinostart) an und wuchs mittlerweile um mehrere Filme, Comicserien, hunderte von Büchern, Trading Cards, Rollenspielen und sonstiger Merchandise an. Autoren wie Rebecca Moesta, Kevin J. Anderson und Timothy Zahn sind nur einige der bekannten Namen, die mit ihren Meisterwerken in dieser gewaltigen Galaxie Beiträge geleistet haben.

Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie ich mit sieben Jahren das erste Mal den Anfang der Krieg der Sterne Triologie gesehen hatte. Damals hieß es noch Krieg der Sterne und der Originaltitel Star Wars wurde eigentlich nie verwendet. Wir waren zu der Zeit in einem Urlaubsappartment an der Nordsee und hatten den ganzen Tag über Krabben gepult, als meine Mutter das Video in den Videorekorder schob, um uns drei Kinder zu bändigen. Ich weiss nicht ob sie damals wusste, was sie damit bei mir anrichtete…
Die fantastische und spannende Geschichte fesselte mich als kleinen Jungen sofort, und so wurden alle drei Teile sofort zu meinen Lieblingsfilmen. Ein Buchreferat eines Mitschülers in der fünften Klasse über das Buch Erben des Imperiums aus der Thrawn Triologie von Timothy Zahn entfachte meine Leidenschaft erneut, und ich kaufte mir die ersten Star Wars Bücher seit ich damals vom Fieber angesteckt worden war. Leider gab es damals noch kaum deutsche Star Wars Bücher, und so freute ich mich gewaltig, als ich in einer Buchhandlung in Hannover die ersten englischen Bände von Young Jedi Knights fand, die speziell auf junge Leser zugeschnitten waren. Genau das Richtige für einen deutschen Schüler, der erst seit ein paar Monate Englisch Unterricht genossen hatte. Dies war erst der Anfang meiner Sammlung, die mittlerweile über hundert Bücher aufweist, und ich verschlang sofort jedes Star Wars Buch, das mir in die Hände fiel. Immer wieder verstanden es die verschiedensten Autoren mich auf eine neue Reise in das gewaltige Universum von Star Wars zu entführen, in dem alle Geschichten ineinander stimmig sind oder auf eine Vorgeschichte aufbauen.

Bei der Masse an Büchern ist es natürlich nicht verwunderlich, dass es einerseits sehr gute Bücher, aber eben auch mittlermässige gibt, die dennoch als „leichtes“ Zwischendurch durchaus die Langeweile vertreiben können. Es gibt einige sehr interessante in sich abgeschlossene Reihen im Star Wars Universum, in denen neue Charaktere vorkommen, die Ihre einzelnen, manchmal auch nur kleinen, Rollen in der gesamten Geschichte zu spielen hatten. Meine absoluten Lieblinge unter all den Reihen sind einerseits die X-Wing Reihe, die sich einmal mit den Piloten der Rebellenallianz/Neuen Republik beschäftigt und nicht nur mit den „Haupthelden“ wie Leia, Luke oder Han. Auch die Thrawn Trilogie von Timothy Zahn oder die Young Jedi Knights Reihe kann ich wärmstens empfehlen. 

In all der Zeit war es immer bedauerlich, dass es zwar viele neue Bücher gab, diese aber nur sehr langsam in das Deutsche übersetzt wurden bzw. dann später einfach nicht als eBook erschienen. Auf der einen Seite konnte ich so zwar sehr gut mein Englisch üben, allerdings ist das riesige Bücherregal im Keller eher platzfressend und bei den vielen „zerlesenen“ Exemplaren auch keine Augenweide mehr. Obwohl die meisten dieser Bücher jetzt als eBooks erscheinen, werde ich hier wohl keinen Austausch vornehmen und die alten Exemplare in ihrem Regal lassen. Neuerscheinungen hingegen, oder Bücher die ich bisher nicht kaufen konnte, werden auf meinem Kindle Platz nehmen und nicht auf einem völlig überladenen Bücherregal.

Hier geht es zu allen STAR WARS Büchern für den Kindle.

-- SWa

Dufte Lektüre: Der Duft-Code von Eva Goris und Claus-Peter Hutter

Der Duft-CodeEin Tag ohne Dufterlebnisse ist ein verlorener Tag. Das meint zumindest ein altes ägyptisches Sprichwort. Und es stimmt: Im Alltag begegnen uns unzählige Düfte, entweder ganz im klassischen Sinne als Parfum auf unserer Haut, als Raumspray für zuhause oder als geliebt-gehasstes Duft-Bäumchen im Auto. Zunehmender benebeln uns die olfaktorischen Stimmungsmacher aber auch an öffentlichen Plätzen, im Supermarkt, Hotels und modernen Bürokomplexen. Manchmal erkennen wir diese „Volks-Beduftung“ ganz bewusst, häufig muss man aber ein ganz besonders feines Näschen haben, um die versteckten Botschaften überhaupt wahrnehmen zu können.

Doch was hat es mit dem Trend zur öffentlichen Duftwolke auf sich? Soll Sie lediglich unser Leben angenehmer machen, die Körpergerüche ungewaschene Mitmenschen eliminieren oder beeinflusst sie auch unser Denken und Handeln? Dieser spannenden Frage sind die beiden Autoren von Der Duft-Code, Eva Goris und Claus-Peter Hutter nachgegangen.

Detailgenau beschreiben Sie wie das moderne Marketing Duft- und Aromastoffe gezielt einzusetzen versucht, um zum Beispiel Kaufentscheidungen zu lenken - und sie zeigen Risiken auf, die entstehen, wenn hochmoderne Beduftungsmaschinen zum Einsatz kommen.

Dass nicht alles Gold ist, was auf dem Konsummarkt glänzt, ist natürlich keine neue Erkenntnis, schien die Autoren jedoch nicht in ihrer ausführlichen Recherche zu stoppen. Die interessante und schöne Seite der faszinieren Duftwelt kommt in der kritischen Betrachtung des Themas leider etwas zu kurz.

Richtig, wir brauchen nicht jede Woche ein neues Eau de Toilette, überparfümierte Cremes, zwanzig Sorten Weichspüler zur Auswahl oder Raumparfums vom Designerlabel. Der Untergang des Abendlandes ist dadurch aber sicherlich nicht gefährdet. Das wussten eben schon die Ägypter. Dieses Buch bleibt dennoch eine spannende Lektüre für alle, die sich für Düfte im Alltag interessieren und sich vom Enthüllungsjournalismus à la „Die Bild“ gut unterhalten fühlen. Der Schreibstil ist unterhaltsam und führt auch Leser die sich erstmals mit dem Thema beschäftigen möchten in die Welt der Düfte hinein. 

-- MHi

Bryan Chicks geheimer Zoo

Der_geheime_ZooWas wäre, wenn der Zoo mit all seinen Tieren mehr wäre als nur ein Zoo. Wie wäre es, wenn man durch ihn in eine geheime Welt eintaucht und Abenteuer bestehen muss: Der geheime Zoo.

Megan entdeckt eines Nachts eine Horde Affen aus dem Zoo, die frei auf den Nachbardächern herumspringen. Als sie ihrem Bruder Noah davon erzählt, will er ihr jedoch nicht so recht glauben. Bis sie eines Tages plötzlich verschwindet.

Noah und seine Freunde Ella und Richie machen sich auf die Suche nach ihr und die Hinweise führen sie in den Zoo. Hier scheinen die Tiere nur auf sie gewartet zu haben. Mit der Hilfe des Einbären Blizzard, des Pinguins Podgy und des kleinen Vogels Marlo finden die Kinder schließlich eine heiße Spur von Megan. Diese führt sie in eine abenteuerliche verborgene Welt, in der Menschen und Tiere friedlich nebeneinander leben. Aber wo es auch das dunkle Land gibt, den gefährlichen Zoo. Hier hat sich seit Jahrzeiten niemand mehr hineingewagt. Dort ist Megan.

Damit startet die neue Kinderbuch-Triologie um den geheimen Zoo von Bryan Chick, selbst Vater von 3 Kindern. Chick versteht es, durch seine lebendige Beschreibung sowohl  die Kinder als auch die Tiere als eigene Charaktere darzustellen. Die fantasiereich beschriebenen Abenteurer der Protagonisten ziehen sofort in den Bann.

Ein wunderbares Buch zum Vorlesen und für alle großen und kleinen Leute, die sich gern in eine neue Fantasiewelt voller Abenteuer entführen lassen. Wir sind bereits jetzt auf den zweiten Band gespannt.

-- ABi