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Rezension

Jess Walter: Schöne Ruinen

RuinenSchöne Ruinen ist ein optimistischer Roman über das Scheitern. Der Titel geht zurück auf ein Zitat in einer Zeitschrift, das Richard Burton als "schöne Ruine" bezeichnete. Es könnte aber auch auf jede Figur des Romans zutreffen. Sie alle sind auf die eine oder andere Weise gescheitert: Als Schauspielerin, als Hotelier, als Musiker, als Schriftsteller, als Filmproduzent. Das heißt nicht, dass das Schicksal diese Menschen besiegt hätte. Ein verhinderter Schriftsteller kann ein guter Autoverkäufer werden. Eine Schauspielerin, die vergeblich auf den großen Durchbruch wartete, kann erfolgreich Schauspiel lehren. Ein Produzent kann nach der Filmkarriere immer noch schmuddeliges Reality-TV raushauen.

Wichtiger als die Frage nach der beruflichen Eignung ist doch die nach der Eignung als Mensch. Und da meint der Italiener Pasquale etwas vermurkst zu haben, als er 1962 die amerikanische Schauspielerin Dee Moray hatte ziehen lassen, die in seinem entlegenen Hotel untergetaucht war, unglücklich verliebt in und geschwängert von Richard Burton, der gerade in relativer Nähe Cleopatra drehte. Pasquale und Dee kommen einander menschlich nah, aber ihre eigenen Probleme stehen einer echten Romanze im Weg. Jahrzehnte später taucht Pasquale als alter, radebrechender Mann in Hollywood auf, um der Liebe noch eine Chance zu geben …

Man kann mit Schöne Ruinen anfangs hadern: Die Geschichte von der unglücklichen amerikanischen Schauspielerin im malerischen italienischen Seeort lässt sich an wie veredelte Chick-Lit, und die satirischen Seitenhiebe gegen Hollywood sind altbacken (altes Hollywood: hach, Frühstück bei Tiffany / neues Hollywood: würg, alles nur noch verfilmte Videospiele). Von Kapitel zu Kapitel allerdings wird deutlicher, was Jess Walter hier vorhat und warum die vermeintliche Schmonzette in den USA ein beträchtlicher Kritikerliebling war. Diese eine Geschichte ist in Wirklichkeit viele Geschichten. Mit der gleichen Sorgfalt, mit der die Geschichten von Dee und Pasquale erzählt werden, werden auch die der Menschen erzählt, die diese Geschichten beeinflussen. Und die Geschichten, die diese Geschichten beeinflussen. Das können die unmittelbaren Lebensgeschichten der Protagonisten des Buches sein, aber auch eine Kannibalenschnurre aus dem Wilden Westen, in der eine Romanfigur eine gute Drehbuchidee wittert, oder ein Auszug aus dem autobiografischen Kriegsroman, an dem eine andere Figur scheitert. Walters Kunst ist es, bei diesem großen Panorama immer den Überblick zu behalten, alles zu allem in Zusammenhang zu setzen und es durchgehend für den Leser interessant zu gestalten. Wer einmal gepackt ist, bleibt gepackt. Ganz egal, ob er eigentlich lieber über Kannibalen, Rockmusiker, italienische Fischer, amerikanische Autoverkäufer, Hollywood, Idaho oder Edinburgh liest.

Selbst auf den letzten Metern führt der Roman noch neue Figuren ein, bei denen man gerne etwas verweilt wäre. Aber dann wären aus über 400 Seiten möglicherweise über 800 Seiten geworden. Es spricht für Schöne Ruinen, dass einen das eigentlich nicht gestört hätte.

-- ANe

Mo Yan: Frösche

FroescheDie Verleihung des Literaturnobelpreises 2012 an den chinesischen Schriftsteller Mo Yan sorgte erst für Überraschung (wieder kein Murakami/Roth/Dylan/Favorit XY), dann für leichtes Unwohlsein bis mittlere Empörung: Zu sehr sei seine Karriere von der Kommunistischen Partei Chinas begünstigt, zu wenig spreche er gegen das Unrecht in seinem Land, zuletzt sprach er sich sogar noch einigermaßen deutlich für Zensur aus.  

Die Kritik ist nicht ganz unberechtigt, nur leider ist sein Roman Frösche großartig.

Der Titel geht zurück auf den Gleichklang der chinesischen Worte für "Kinder" und "Frösche", und dabei ist man gleich beim Thema der Geschichte: Chinas Ein-Kind-Politik. Die Schlüsselfigur und roter Faden, wenn auch nicht Hauptfigur, ist die anfängliche Geburtshelferin Gugu, die zusehends zur gefürchteten Vollstreckerin von Zwangsabtreibungen wird. Sie ist ein Wendehals vor dem Herrn, hängt ihre Nase stets nach dem Pekinger Regierungswind, ist je nach politischem Zeitgeist überzeugte Kommunistin, Sozialistin, Kapitalistin. Reue zeigt sie erst in hohem Alter, die Sympathien des Lesers hat sie da längst verspielt.

Trotz der schrecklichen Gugu und ihrer schrecklichen Taten ist es ein großer Spaß, Frösche zu lesen. Als positiv geschwätziger Briefroman konzipiert, sprudelt die Erzählung geradezu über vor Mitteilungsdrang, berichtet atemlos vom Schicksal einer Dorfgemeinschaft über Jahrzehnte hinweg, von der Zeit, in der Kohle essen besser war als gar nichts essen, bis in die Smartphone-Gegenwart. Dabei hat man Anteil am Werdegang verschiedener Figuren, deren Schicksale mit dem Wirken Gugus verbunden sind. Sei es, dass sie von ihr auf die Welt gebracht wurden, oder dass ihre eigenen Kinder von ihr genommen wurden, oder beides.

Ein psychologischer Roman ist Frösche nicht, das muss er auch nicht sein. Warum eine Figur welche Wandlung durchmacht, so es überhaupt Wandlungen gibt, wird nicht thematisiert. Es ist ein Roman, in dem Ereignis auf Ereignis folgt, und so ein großes politisches und gesellschaftliches Panorama Chinas der jüngsten Vergangenheit gezeichnet wird anhand vermeintlich kleiner Schicksale. Das alles in einer Sprache, die selbst dem Grauen Schmöker-Qualitäten abringt, ohne es zu banalisieren.

Es bleibt legitim, wahrscheinlich sogar unbedingt notwendig, Mo Yans politische Rolle und seine öffentlichen Äußerungen kritisch zu hinterfragen. Allerdings: So suspekt einem der Mensch sein mag (das eitle Nachwort des Romans schafft kaum Abhilfe), so begnadet ist der Literat. Der Literaturnobelpreis zeichnet kein politisches Engagement aus, sondern ein literarisches Werk. Mo Yan hat ihn völlig zu Recht erhalten, Frösche ist der beste Beweis.

-- ANe 

Monika Zeiner: Die Ordnung der Sterne über Como

Die Ordnung der Sterne über Como

„Ich hatte eine Sternschnuppe gesehen am See. Ich hatte mir gewünscht, dass die Bahn frei wäre für uns. Ich hatte damals gedacht, dass das Schicksal gut wäre, für uns da wäre, dass es alles so fügen würde, dass es irgendwie für alle passt.“ (Quelle: Die Ordnung der Sterne über Como, Monika Zeiner)

Tom Holler ist ein geachteter Pianist, dessen Leben gerade einen neuen Tiefpunkt erreicht hat. Seine Frau Hedda hat sich von ihm getrennt und jede bis dahin noch vorhandene Ordnung scheint sich im Nichts aufzulösen.  Da kommt ihm eine Italien-Tour mit seiner Jazzband, die ihn zumindest vorübergehend aus seiner Lethargie reißen soll, genau recht. Dann meldet sich auch noch Betty Morgenthal, die mittlerweile in Neapel wohnt und gerne Toms Konzertaufenthalt zu einem Wiedersehen nutzen möchte. Die Kontaktaufnahme katapultiert Tom in alte Zeiten zurück.

Betty war einst die Freundin seines besten Freundes Marc. Zu dritt haben sie die Zeit ihres Lebens in einer gemeinsamen Musiker-WG in Berlin verbracht. Was hat dieses gemeinsame Leben damals zerstört? Kann Tom noch einmal dort anknüpfen, wo sich ihre Wege getrennt haben?


Monika Zeiner hat die Geschichte einer modernen Männerfreundschaft geschrieben, die über das übliche gemeinsame Biertrinken und Fußballabende weit hinausgeht. Die Liebe zur Musik verbindet Marc und Tom tief, sowie die Vorstellung von einem unkonventionellen, nicht bürgerlichen Leben. Klar ist, dass auch für diese Freundschaft und für den Lebensentwurf Grenzen existieren.

Der Roman ist überaus spannend, überzeugt mit seiner poetischen Sprache und bietet eine Projektionsfläche für Romantiker. Die wohlüberlegte Zeichnung der Charaktere und auch die Schilderung der Lebensatmosphäre Berlins und Neapels sind beeindruckend.

Es ist bestimmt kein Zufall, dass Monika Zeiner für diesen Debütroman bei der diesjährigen lit.Cologne mit einem Preis ausgezeichnet wurde und als Leser kann man sich zukünftig hoffentlich auf weitere Bücher aus ihrer Feder freuen.

--FEd

Nora Luttmer: Schwarze Schiffe

Schwarzeschiffe

Wer längere Zeit in einem Land verbringt, das aus der Ferne als exotisch wahrgenommen wird, kann meistens nicht dem Impuls widerstehen ein Buch drüber zu schreiben. Nicht selten wird daraus ein Krimi. Im Falle Nora Luttmer muss man sagen: Gott sei Dank. Ihr Vietnam-Krimi Schwarze Schiffe ist souverän gelungen und lässt auf Fortsetzungen hoffen.

In einem Tempel in Hanoi wird ein junges totes Mädchen mit einem tätowierten chinesischen Glückszeichen gefunden. Kommissar Ly, genreüblich kriselnd verheiratet und mit Tochter im rebellischen Alter, nimmt sich der Sache an. Es dauert nicht lange, bis Verbindungen zwischen Mordfall, Menschenhandel und illegaler Prostitution deutlich werden. Doch je heißer die Spur wird, desto schwieriger werden die Ermittlungen. Bald wird Lys eigene Familie bedroht. Die Korruption und Lethargie im Polizeiapparat sind keine große Hilfe. Und dann ist da noch eine Zeugin, zu der es den Kommissar mehr als nur beruflich hinzieht.

Zugegeben: Die Zutaten sind hinlänglich bekannt. Aber sie sind kompetent vermengt und zubereitet. Im Ergebnis hat man einen äußerst kurzweiligen Krimi mit interessanten Figuren und jeder Menge Lokalkolorit. Dabei tappt die Autorin nur sehr selten in die Falle, vom Krimi-Pfad abzukommen und sich im landeskundlichen Exkurs zu verheddern.

Der einzige echte Wermutstropfen tropft von der Kehrseite einer eigentlichen Stärke des Romans, nämlich der Straffheit der Erzählung. Einerseits machen gerade die schnelle Abfolge der Ereignisse und der Verzicht auf ihr episches Auswalzen die flotte Lesefreude aus. Andererseits kommt dabei das eine oder andere zu kurz, insbesondere was die Beziehungen der Figuren angeht.

Doch dass nicht jeder Konflikt gelöst wird, ist wahrscheinlich Intention. Es ist stark davon auszugehen, dass dies nur der erste von vielen Romanen über Ly, seine Familie und Kollegen sein soll. Da muss man Stoff für die nächsten Folgen aufbewahren. Bleibt zu hoffen, der Pilot möge tatsächlich in Serie gehen. Wenn einem der deutsche Provinzkrimi mal zu muffig wird, sollte man den Trip nach Hanoi unbedingt wagen.

 -- ANe

Keigo Higashino: Verdächtige Geliebte

Geliebte

Togashi, der gewalttätige Ex-Mann von Yasuko, wird sie nie wieder schlagen, denn nach einer heftigen Auseinandersetzung zwischen den beiden ist er tot. Unmöglich, dass Yasuko ungestraft davonkommt. Wäre da nicht ihr Nachbar Ishigami, ein unscheinbarer Mathelehrer und brillanter Kopf, der schon lange in die alleinerziehende Mutter verknallt ist. Er kümmert sich um die Leiche und verschafft Yasuko ein Alibi. Polizist Kusanagi hat sie trotzdem in Verdacht. Zusammen mit dem Physiker Yukawa, der Ishigami aus der gemeinsamen Studentenzeit kennt, versucht er die vertrackte Intrige zu entwirren.

Manche Krimis beziehen ihre Spannung aus der Frage, wer der Mörder ist. Andere Krimis beantworten diese Frage von vornherein und beziehen ihre Spannung aus der Frage, ob und wie der Mörder überführt wird. Und dann gibt es, ganz selten, Krimis wie Verdächtige Geliebte, die so tun, als gehören sie zur einen Gattung, obwohl sie eigentlich zur anderen gehören, oder vielleicht auch nicht. Wenn der Leser denkt, er denkt, dann denkt er nur, er denkt. Higashinos Roman gewinnt durch einen Plot, der nie auf theatralische Gesten oder strukturelle Experimente angewiesen ist. Man ist einfach gebannt von den Ereignissen, die sich in aller Ruhe aber voller Überraschungen entfalten. Dazu ein ungewöhnliches Ermittlerduo, das einen nicht allzu sehr mit Privatem nervt, und Figuren, die sich moralisch nicht leicht in Schubladen stecken lassen. Verdächtige Geliebte ist eines der Genre-Highlights des vergangenen Jahres. Wer es englisch mag, kann mit Salvation of a Saint schon jetzt einen weiteren komplizierten Fall für Kusanagi und Yukawa lesen.

-- ANe 

Chris Pavone: Die Frau, die niemand kannte

Frau

Die amerikanischen Eheleute Kate und Dexter führen ein ansehnliches Leben in Luxemburg, wo sie sich um Kinder und Haushalt kümmert und er als IT-Spezialist Banken zur Seite steht. Vor dieser Beschaulichkeit allerdings war Kate CIA-Agentin, was sie nicht mal ihrem Mann verraten hat. Nun droht sie ihre Vergangenheit einzuholen, als ein neu angekommenes US-Pärchen in ihr Leben dringt. Kate hält die beiden für Agenten mit unguten Absichten. Nicht nur erhärtet sich ihr Verdacht zusehends, auch kommen ihr bald Zweifel an der Sauberkeit von Dexters Lebenslauf.

Das Puzzle mag ein etwas abgedroschenes Bild für einen Thriller sein, aber bei Die Frau, die niemand kannte gibt es kein passenderes: Öffnet man das Buch, purzeln die Einzelteile nur so heraus und erst wenn man sie komplett geordnet hat, erkennt man das ganze Bild. Erzählt wird in vermeintlicher Unordnung auf mehreren zeitlich und örtlich getrennten Handlungsebenen, wobei die Gegenwartshandlung in Paris und der Aufenthalt in Luxemburg den Löwenanteil ausmachen. Es kommt derweil auch zu Ausflügen an andere exotische Orte, z. B. München und Südamerika, und es werden immer wieder kurze Blicke in Kates Vergangenheit als CIA-Agentin geworfen. Diese sind dringend notwendig, um die Figur zu komplettieren. Hat Die Frau, die niemand kannte eine Schwachstelle, dann ist es diese besagte Frau. Sie neigt zu einer wehleidigen Besserwisserei, die europäischen Lesern als typisch amerikanisch erscheinen mag, und die es schwierig macht, mit der Dame warm zu werden.

Andererseits: Wir müssen sie ja nicht heiraten. Der Roman zieht seine Spannung aus dem vertrackten Aufbau des Plots, der raffiniert mit Cliffhangern und unerwarteten Wendungen arbeitet. Wer behauptet, alle Entwicklungen der Handlung vorhergesehen zu haben, der lügt wahrscheinlich. Und zum Schluss, wenn ihr traumatischstes Geheimnis gelüftet ist, ist auch Kate eine Frau mit vielen Eigenschaften. Vielleicht nicht im herkömmlichen Sinne sympathisch, aber interessant genug, dass es ein bisschen schade ist, sie schon verlassen zu müssen, wo man sie gerade erst kennengelernt hat. Eine Fortsetzung wäre kein allzu abwegiger Wunsch.

-- ANe

Robert Pobi: Bloodman

BloodmanManche Bücher liest man eher trotz als wegen ihres Titels. Heißt ein Roman Bloodman und hantiert der Autor auf Fotos gerne mit Totenschädeln, kann man sich als volljähriger Freund der Spannungsliteratur schon mal sagen: Ach, aus dem Alter bin ich eigentlich raus. Dann verpasst man allerdings eines der bemerkenswertesten Thriller-Debüts seit langem.

Jake Cole ist ein FBI-Sonderermittler mit einer bewegten Vergangenheit. Seine Mutter wurde ermordet, als er ein kleiner Junge war. Zu seinem Vater, einem selbstverliebten Künstler, hat er ein bestenfalls angespanntes Verhältnis. Früh flüchtete er aus seinem provinziellen Heimatort in die große Stadt und Drogensucht. Clean, mit Familie und Beruf kehrt er nun zurück, denn ein Mörder geht in seiner alten Nachbarschaft um. Bald ist Jake klar: Es ist der Mörder, der auch seine Mutter auf dem Gewissen hat.

Bloodman wird die Leserschaft spalten. Die finale Wendung zieht einem den Boden unter den Füßen weg, lässt Ereignisse und Personen in einem neuen Licht erscheinen, das Gemütlichkeitslesern missfallen könnte. Wer hingegen das Radikale schätzt und Überraschungen nicht abgeneigt ist, wird erkennen, wie konsequent Robert Pobi seinen Plot konstruiert hat. Hier geht es nicht um billige Effekthascherei. Es musste kommen, wie es kommt.

Perfekt ist dieses Debüt dabei nicht. Allzu ausführliche Einführungen von Nebenfiguren und inflationäre Rückblenden wirken bisweilen gegen den Spannungsbogen. Dafür allerdings bieten die überdurchschnittliche sprachliche Kunstfertigkeit und die vertrackte Geschichte eine mehr als großzügige Entschädigung. Pobi ist eine interessante neue Stimme im Thriller-Genre, die sich mit Bloodman beeindruckend Gehör verschafft. Man muss dieses Buch nicht lieben. Aber man sollte es lesen.

-- ANe

Salman Rushdie: Joseph Anton

JosephantonGriesgrämige Nicht-Leser werfen Salman Rushdie gerne vor, er verdanke seine Bekanntheit lediglich dem Theater um seinen Roman Die satanischen Verse, sein Ruhm sei also gar kein literarischer. Als Nicht-Leser wissen sie eben nicht, dass Rushdie vor dem unerwarteten Skandal bereits drei Romane und ein Sachbuch veröffentlicht hatte, darunter mindestens zwei veritable internationale Bestseller und Gewinner renommierter Preise. Wer heute mal wieder eine kleine Erinnerung braucht, dass Salman Rushdie eine verlässliche literarische Größe ist, sollte einen Blick in seine Autobiografie Joseph Anton riskieren.

Als der Ayatollah Khomeini am Valentinstag 1989 zur Ermordung des Autoren von Die satanischen Verse aufrief und Salman Rushdie verschwinden musste, wählte er den Tarnnamen Joseph Anton für sein neues Leben unter Polizeischutz, eine Verbindung von Joseph Conrad und Anton Tschechow. Das Buch erzählt in erster Linie von diesen Jahren in verschiedenen Verstecken, erfüllt aber dennoch die Kriterien einer vollwertigen Autobiografie. So erfährt man auch von Rushdies Kindheit in Indien und seiner Studienzeit in England, von seinem schwierigen Verhältnis zum alkoholkranken Vater und der duldsamen Mutter, seinen Anfängen als Werbetexter und ersten Gehversuchen als Schriftsteller. Dabei ist es erfrischend, dass er die Autobiografie eine Autobiografie sein lässt. „Liest sich wie ein Roman“, hört man häufig, wenn aufgeschriebene Lebensgeschichten gelobt werden sollen. Autobiografien und Biografien sind aber keine Romane. Joseph Anton liest sich gottlob nicht wie ein Roman.  Mal journalistisch, mal essayistisch, immer detailliert analytisch, selten anekdotisch und dialogisch wird von politischen, zwischenmenschlichen und spirituellen Konflikten erzählt. Rushdie scheut sich nicht, Verfehlungen anderer und seiner selbst zu benennen (in Sachen Vergebung tut er es sich bei den eigenen Verfehlungen leichter). Auch wenn hier einige Weggefährten wie Exfrauen und Schriftstellerkollegen nicht ungeschoren davonkommen, sind Rushdies Erinnerungen mehr von Liebe als von Zorn geprägt. Die umständliche Beziehungspflege zu seinem Sohn Zafar ist einer der roten Fäden der Erzählung und eine der ergreifendsten, am längsten nachstrahlenden Facetten des Buches.

An unterschiedlichsten Facetten ist Joseph Anton nicht arm. Trotz der Sachlichkeit des Textes sind einige Passagen von einer Thriller-artigen Spannung, an anderen Stellen kann man sich ein Kichern nicht verkneifen. Etwa bei dem missglückten Plan, der Autor solle sich mit einem Haarteil unerkannt unter die Leute mischen (Passant: „Da ist dieses Arschloch Rushdie mit Perücke.“). Interessant auch zu wissen, dass der Booker-, Booker-of-Bookers- und Best-of-Booker-Preisträger seine Karriere mit Werbespots für Klebeband begann (realisiert immerhin mit John Cleese). Am interessantesten aber sind wohl die genauen Einblicke in die Entstehung seiner Werke, von der ersten Ahnung bis zum Kampf um die Publikation. Man bekommt sofort Lust, jedes einzelne noch mal zu lesen, vielleicht neu zu erleben. Womöglich sogar Die satanischen Verse endlich mal zu beenden (Hand aufs Herz: wer hat das schon?).

Als Hintergrundrauschen kommt das weltweite Zeitgeschehen nicht zu kurz. So ist Joseph Anton nicht nur eine sehr persönliche Lebensgeschichte, sondern auch eine treffliche Zeitreise durch Politik und Pop der jüngeren Vergangenheit bis kurz vor Gegenwart.

Und wie steht es mit Rushdies oft kolportierter Eitelkeit? Schriftstellerei ist von Natur aus eitel; schließlich geht man davon aus, dass die eigenen Gedanken so relevant sind, dass sie aufgeschrieben und verbreitet gehören. Es stimmt: Joseph Anton merkt man es hin und wieder an, dass der Autor sich selbst ganz gut findet. Dieser Verstoß gegen das Bescheidenheitsdiktat aber ist eher sympathisch als unsympathisch, Rushdie ist gerade in seiner Eitelkeit mehr unprätentiös denn prätentiös. Prätentiös wäre er, stellte er sein Licht öffentlich unter den Scheffel und ginge zum Schulterklopfen in den Keller. Zu derlei Heimlichtuerei besteht keinerlei Anlass. Rushdie ist einer der Besten, und Joseph Anton ist eines seiner besten Bücher. Man hätte ihm dennoch gewünscht, dass er es nicht hätte schreiben müssen.

-- ANe

Kyung-Sook Shin: Als Mutter verschwand

Mutter

In Asien ein Bestseller, in den USA und im europäischen Ausland mit Kritikerlob und Preisen bedacht, herrscht in Deutschland äußerste Verschwiegenheit über die Veröffentlichung von Kyung-Sook Shins Roman Als Mutter verschwand. Das ist schade, denn es entgeht einem was, wenn einem dieses Buch entgeht.

Als Mutter aus ihrem entlegenen Dorf nach Seoul kommt, um ihre erwachsenen Kinder zu besuchen, verschwindet sie im Bahnhofsgedränge. Die Suche nach ihr wird erzählt von ihrer Tochter, dem erstgeborenen Sohn und dem Familienvater, schließlich kommt Mutter selbst zu Wort.

Doch es ist weniger ein Roman über die konkrete Suche nach einer vermissten Person, als die Geschichte über die Suche nach einer Persönlichkeit, die man vielleicht nie richtig gekannt hat. Stark komprimiert und ohne den üblichen ‚Blut-ist-dicker-als-Wasser‘-Schmalz wird hier eine Familiengeschichte erzählt, die nicht den Anspruch hegt eine Saga zu sein. Dabei ist ein sehr gefühlvolles, aber niemals sentimentales Buch entstanden. Ohne Wertung geht es um gegensätzliche Lebensentwürfe zwischen Stadt und Land, Mann und Frau, Jung und Alt. Man bekommt nicht nur Einblick in die Gefühlswelten und interfamiliären Beziehungen der Figuren, sondern auch in das südkoreanische Dorfleben vor demokratischen Reformen und Wirtschaftsboom sowie die kapitalistischen Verheißungen des modernen, urbanen Südkoreas und die Erwartungshaltungen an sich und andere, die damit einhergehen. So fremd einem manches in diesen Welten sein mag, letztlich sind Menschen überall bloß Menschen, und so kommt man beim Lesen auch unweigerlich zum Nachdenken übers eigene Selbst- und Mutter-Bild.

Geschrieben ist Als Mutter verschwand über weite Strecken in der zweiten Person. Ängstliche Leser müssen davor keine Angst haben, die Eingewöhnungszeit beträgt ungefähr zwei Sekunden. Dann entwickelt der Roman gerade durch seine ungewöhnliche, direkte Ansprache eine Verbindlichkeit, die zum Weiterlesen zwingt.

 -- ANe

Jean-Christophe Grangé: Der Ursprung des Bösen

GrangeDas Klingeln bohrte sich wie eine glühende Nadel in sein Bewusstsein. Bereits vom ersten Satz an weiß man, dass man wieder tief im Grangé-Land ist. Ein Land, in dem nichts jemals subtil oder leise ist und in dem sogar Wecker mit bohrenden, glühenden Nadeln kommen. Wozu mögen dann die Mörder in diesem Land erst fähig sein? In Der Ursprung des Bösen geht einer um, der seine Opfer nach Vorbildern aus der griechischen Mythologie hin- und herrichtet. Der Psychotherapeut Mathias Freire bekommt das ungute Gefühl, dass er etwas mit dem Fall zu tun hat, weiß aber nicht was. Bald befindet er sich auf der Flucht vor der Polizei und einem ominösen Killer-Trupp, stellt eigene Ermittlungen an und erfährt, dass er gar nicht der ist, der er dachte. Ist er selbst der Mörder? Oder ist es komplizierter?

Selbstverständlich ist es komplizierter. So sehr einen Jean-Christophe Grangés theatralischer Stil mitunter verzweifeln lässt: Sein Ideenreichtum, befeuert durch penibelste Recherche abseitigster Themen, entschädigt für manches. Mehr noch: Der Ursprung des Bösen hält auf deutlich mehr als 800 Seiten konstant seine Spannung. Die Hauptfigur ist ausnehmend originell, anfangs etwas klischierte Nebenfiguren wachsen mit der Zeit über ihre Klischees hinaus. Wie alle Romane des Autoren ist auch dieser ein Road-Roman; lange hält es ihn nicht an einem Fleck. Anders als sonst geht es diesmal jedoch nicht in allzu exotische Gefilde. Verschiedene Handlungsorte in Frankreich und Belgien reichen vollkommen aus, um der Geschichte ein angemessenes, abwechslungsreiches Panorama zu bereiten. Bei der Beschreibung von Orten hat Grangé außerdem die Finesse, die er bei der Beschreibung von Menschen und deren Interaktionen mitunter missen lässt. So hat Der Ursprung des Bösen neben seiner Spannung jede Menge Atmosphäre. Es ist Grangés stimmigster und stimmungsvollster Thriller seit langem.

-- ANe