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Roman

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Haruki Murakami: Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki

MurakamiTsukuru Tazaki lebt in Tokio und konstruiert Bahnhöfe. Doch er kann innerlich seiner Jugendzeit in Nagoya nicht entfliehen. Nachdem er seinen Heimatort verlassen hatte, wurde er von seinen vier besten Freunden plötzlich verstoßen. Auf Anraten seiner Bekannten und gelegentlichen Bettgefährtin Sara rafft sich Tazaki nach Jahren der Unsicherheit auf, den Grund für den damaligen Stimmungswechsel in seinem Freundeskreis zu erfahren. Seine Reise führt ihn erst zurück nach Nagoya, schließlich sogar nach Finnland.

Zwei Schlüsselsätze fallen in Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki. Einer lautet: „Eine Persönlichkeit hat jeder, solange er lebt.“ Das klingt zunächst nach genau der Art von Binsenweisheit, für deren Verbreitung Murakami von Skeptikern am häufigsten kritisiert wird. Doch die Erkenntnis ist nicht so trivial und selbstverständlich, wie sie klingt. Murakami beweist das selbst mit einem Trick: Der Titel seines Romans führt den Leser auf Glatteis, wo er länger als nötig bleibt, aus eigenem Verschulden. Man liest schon auf der Titelseite, dass Herr Tazaki farblos sei und glaubt es prompt. Man glaubt es auch noch eine ganze Weile während der Lektüre. Dabei gibt es dafür überhaupt keine Anhaltspunkte. Der Titel, das wird früh erklärt, bezieht sich lediglich darauf, dass Tazaki in seiner Jugendclique der Einzige war, in dessen Namen keine Farbbezeichnung vorkam. Ansonsten ist er eine mitten aus dem Leben gegriffene Figur. Er hat seinen privaten Enthusiasmus zum Beruf gemacht, er ist kulturell in Maßen interessiert, ist sexuell und sportlich aktiv, nicht sonderlich gesellig aber auch kein pathologischer Einsiedler. Vielleicht keiner der großen literarischen Exzentriker, doch sicherlich kein Mann ohne Eigenschaften. Wenn dieser Tazaki farblos ist, dann sind es rund 99% der Menschheit ebenfalls.

Das Hauptthema des Romans ist die Diskrepanz zwischen der Selbstwahrnehmung und der Wahrnehmung durch andere. Tazaki findet seinen Seelenfrieden nicht dadurch, dass er erfährt, was den Bruch seines Freundeskreises ausgelöst hat (gleichwohl erfährt er es). Wichtiger ist, dass er erfährt, was er seinen Freunden bedeutet und bedeutet hat. Erst als er sich mit den Augen anderer sieht, begreift er, dass er nicht farblos ist.

„Eine Persönlichkeit hat jeder“ – ungefähr nach der Hälfte des Romans steht eine Anschuldigung im Raum, die hinzufügen lässt: vielleicht mehr als eine. Trotz rechtsstaatlicher Unschuldsvermutung und genereller Sympathie schwebt fortan der Schatten des Zweifels über Tsukuru Tazaki. Hat er, oder hat er nicht? Vieles spricht dafür, dass er nicht hat. Doch eine dunkle Seite wohnt der Figur allemal inne. Sind da nicht diese seltsamen, leicht aggressiven erotischen Träume? Ist nicht ein Freund spurlos verschwunden? Und was ist mit dieser heftigen Todessehnsucht in jungen Jahren? Die Ahnung, dass alles ganz anders sein könnte, ist bei Murakamis besten Romanen immer mit von der Partie, so auch hier.

Der zweite Schlüsselsatz ist eher ein Fragment: „Ähnlich, aber doch anders“, erklärt der Protagonist das Wesen von Japanern und Chinesen gegenüber zwei finnischen Kindern, die Probleme mit der Unterscheidung haben. Damit unterstreicht Murakami, der sich selbst eher als asiatischer denn japanischer Autor sieht, das Thema von Außenwahrnehmung vs. Selbstwahrnehmung und hebt es nebenbei noch auf eine politische Ebene. Vor allem aber beschreibt dieses Fragment hervorragend den Roman selbst: Er ist ähnlich wie andere Romane des Autors, aber doch anders. Die Figuren und die strenge erzählerische Struktur erinnern an das Frühwerk, das einigermaßen naturalistisch daherkam, ohne die konkreten Ausflüge in die Phantastik und assoziativen Verschachtelungen, welche die späteren Bestseller bestimmten. Das Irreale ist aber zumindest unterschwellig vorhanden, in Erzählungen innerhalb der Erzählung, in Träumen und in Handlungsfäden ohne Auflösung. So ist dieser Murakami ein typischer Murakami, ohne ein allzu typischer Murakami zu sein. Ähnlich, aber doch anders. So, wie es sein sollte.

-- ANe

Countdown: Preis der Leipziger Buchmesse

Heute nachmittag um 16 Uhr wird der Preis der Leipziger Buchmesse zum zehnten Mal verliehen. Wer geht als Sieger aus dem Rennen hervor, bei dem 136 Verlage insgesamt 410 Titel eingereicht haben?

Wir haben die 15 für den Preis nominierten Bücher aus den Bereichen Belletristik, Sachbuch und Übersetzung nochmal für Sie aufgelistet:

Am Ende schmeißen wir mit Geld Angezogen das Geheimnis der Mode Buch des Fluesterns

 

 

 

 

 

Das Blutbuchenfest Das Hohe Haus Ein Jahr im Parlament Der Schatten des Fotografen Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki Europe Central Jacques der Fatalist und sein Herr

 

 

 

 

 

 

Vor dem Fest

Max Weber Ein Leben zwischen den Epochen     

 

 

Flut und Boden Vielleicht Esther 

 

 

 

Spielen Der Schatten des Fotografen

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Liebe Leserinnen und Leser,

wir haben Ihnen für die Zeit um den Valentinstag eine besonders schöne Auswahl an Romanen zusammengestellt. Stöbern Sie hier zwischen Krimis mit starken weiblichen Hauptcharakteren, wunderbaren Romanen, zuckersüßen Liebesgeschichten und Ratgebern fürs Herz.

 

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Nora Luttmer: Der letzte Tiger

TigerAuch in Vietnam schläft das Verbrechen nicht: Kaum ein Jahr nach seinem ersten niedergeschriebenen Fall muss Kommissar Ly wieder ermitteln. Sein Freund Truong wurde von seinem Kühlschrank per Stromschlag getötet, offiziell ein Unfall. Doch an die offizielle Version will Ly nicht glauben. Er findet bald Zusammenhänge zu dem Fall, der ihm eigentlich übertragen wird: Eine Tiger-Attacke mitten in Hanoi. Der Tiger gehörte zur Beute eines Schmuggler-Netzwerks, das Tiere für die Herstellung traditioneller Medizin verschleppt und verkauft – eine illegale Praxis. Mitschuldige findet der Kommissar jede Menge – doch wird er an die Drahtzieher herankommen und den Mord aufklären?

Der Cover-Slogan „Kommissar Ly ermittelt in Hanoi“ verkauft den Roman eigentlich unter Wert. Dank seines klapprigen Mopeds ermittelt Kommissar Ly auch in den Dörfern und in der Wildnis außerhalb der Stadt, wo Nora Luttmer die eindringlichsten Passagen von Der letzte Tiger ansiedelt. Das Thema zeugt von Sendungsbewusstsein, doch geht die Botschaft nie auf Kosten der Spannung. Der Plot ist schlüssig, flott erzählt, oft überraschend und vor allem besetzt mit glaubhaften Figuren, die sich nicht leicht in ein simples Gut/Böse-Schema pressen lassen. Selbstverständlich sind auch Lys problematische Familienverhältnisse wieder Thema: die etwas unterkühlte Beziehung zu seiner Frau, die nicht mehr ganz fitte Mutter, der brutale Schwager, das bockige Teenagertöchterchen. Es spricht nicht gegen sondern für den Roman, dass man davon gerne noch mehr gelesen hätte. Also auf ein nächstes Mal.

-- ANe

Die Mitternachtsrose - Neuerscheinung und Gruß von Lucinda Riley

Lucinda Riley begeistert mit ihren Romanen Der Lavendelgarten und Das Orchideenhaus eine wachsende Fan-Gemeinde.

Heute erscheint nun Die Mitternachtsrose

Für ihre Leserinnen und Leser hat Lucinda Riley einen kleinen Gruß:

 

Liebe Leserin, lieber Leser,

es ist mir eine große Freude, Ihnen meinen neuen Roman, „Die Mitternachtsrose“, vorstellen zu dürfen. Von allen Büchern, die ich bisher geschrieben habe, ist es mein liebstes, und auch die Figur der Anni liegt mir am Herzen wie sonst keine! Ich habe zwei Stunden geweint, nachdem ich die letzte Seite geschrieben hatte, denn ich war so eng verbunden mit den Schicksalen meiner Protagonisten, dass ich sie gar nicht ziehen lassen wollte. Nun gehören sie Ihnen, und ich hoffe, Sie mögen sie. Ich danke Ihnen aufrichtig, dass Sie mein Buch lesen. Ohne Sie alle wäre ich nichts.

Mit herzlichen Grüßen

Ihre

Lucinda Riley

Für immer Ella und Micha: Der neue Roman von Jessica Sorensens

Während Micha sich einen Traum erfüllt und mit seiner Band auf Tour geht, ist Ella ans College zurückgekehrt. Sie sehnt sich nach Micha, aber in letzter Zeit sind die gemeinsamen Momente selten geworden. Zugleich machen die Abgründe in ihrer Familie es Ella schwer, an ihr Glück zu glauben. Sie will Micha auf jeden Fall davor schützen, und eines Tages trifft sie eine radikale Entscheidung, die sie für immer von ihm entfernen könnte. Entdecken Sie einen spannenden Roman von Jessica Sorensen.

Zum Erscheinen ihres Buches schickt die Autorin Grüße an ihre deutschen Leser.

 

  EllaLiebe Leserinnen, liebe Leser,

ich liebe es die Figuren meiner Romane zu erfinden, denn sie sind einfach das Wichtigste für mich. Jede soll etwas ganz Besonderes sein und ihre eigene spannende Geschichte erzählen.

Im ersten Teil der Geschichte von Callie und Kayden, Die Sache mit Callie & Kayden, erzähle ich von der scheuen Callie,die niemandem traut und sich sofort übergeben muss, wenn ihre Gefühle zu intensiv werden. Seit sie an ihrem zwölften Geburtstag ein schreckliches Erlebnis hatte, hat sie sich stark verändert. Doch mit dem unnahbaren Kayden teilt sie ein Geheimnis und kann sich mit seiner Hilfe ihrer dunklen Vergangenheit stellen. Denn eigentlich weiß Callie genau, was sie will. Aber wird sie es auch wagen, ihre wahren Gefühle für Kayden zuzulassen?

Auch der dunkelhaarige Kayden trägt ein düsteres Geheimnis mit sich. Er lässt niemanden an sich heran. Am Ende des zweiten Bandes, in Die Liebe von Callie und Kayden, ist es seine große Liebe Callie, die ihm die Kraft gibt, sich selbst zu vertrauen. Calli

Wie Callie hat auch die hübsche Ella in Das Geheimnis von Ella und Micha Angst vor ihren Gefühlen. Sie hat große Schuldgefühle, weil ihre Mutter Selbstmord begangen hat. Doch Micha, mit seinen unglaublich blauen Augen, ist für Ella da. An seiner starken Schulter kommt sie über alles hinweg, was sie erleiden musste. Denn das was sie verbindet ist stärker als der Tod: Die Liebe.

Meine Figuren haben eines gemeinsam, denn sie erleben das großartigste Gefühl der Welt: Sie verlieben sich zum ersten Mal.

Ich wünsche Euch viel Spaß beim Entdecken von Ella & Micha und Callie & Kayden!

Eure Jessica Sorensen

 

 

--DVo

Martin Cruz Smith: Tatjana

TatjanaSeit 1981 lässt Martin Cruz Smith seinen Moskauer Polizisten Arkadi Renko in den zwielichtigeren Winkeln der russischen Gesellschaft ermitteln. Das hat seine Spuren hinterlassen: Inzwischen steckt eine Kugel in Renkos Kopf, die ihn bei zu viel Aufregung umbringen könnte. Dabei ist Aufregung wieder einmal programmiert. In Kaliningrad wird ein Dolmetscher ermordet. Er hinterlässt ein Notizbuch mit einem wirren Code, für den sich Gangster, Polizei und Presse gleichermaßen interessieren. In Moskau verschwindet die Leiche einer Journalistin, die angeblich Selbstmord begangen hat. Ebenfalls tot: Der Mafioso, mit dessen Sohn sich Renkos Ex nun vergnügt. Und dann hat der alte Ermittler auch noch Ärger mit seinem ungezogenen Ziehsohn, der unbedingt zum Militär will.

Martin Cruz Smith hat kürzlich bekanntgegeben, dass er seit geraumer Zeit an der Parkinson-Krankheit leidet und Tatjana nicht mehr komplett selbst tippen konnte, weshalb er große Teile des Manuskripts seiner Frau diktieren musste. Er habe seine Krankheit so lang wie möglich geheim gehalten, weil er nicht als „der Autor mit Parkinson“ gesehen werden wollte. Das ist verständlich, denn nun kann man tatsächlich nicht mehr anders, als sein neuestes Werk nach Auswirkungen der neuen Arbeitsweise abzutasten. Dabei fällt auf, dass Tatjana kompakter ist als andere Renko-Romane, aber keineswegs inhaltlich weniger komplex. Vermutlich handelt es sich sogar um Renkos komplexesten Fall seit langem.  Hier hängt wirklich alles mit allem zusammen; was als Sammlung loser Fäden beginnt, ergibt letztendlich ein festes, meisterlich gewobenes Geflecht. Wer diktiert, muss seine Gedanken stärker fokussieren als der, der frei in die Tasten haut. Vielleicht ist also die straffere Struktur, die dem Spannungsaufbau überaus guttut, der neuen Arbeitsweise geschuldet. Vielleicht ist Smith aber auch einfach ein Autor, der sich mit zunehmender Erfahrung zunehmend auf das Wesentliche konzentriert, zum Gewinn seiner Leser. Aufhalten lässt er sich von seiner Krankheit ebenso wenig wie Arkadi Renko von seiner Kugel im Kopf, der nächste Roman befindet sich bereits im Diktat. Wenn Tatjana ein Indikator ist, stehen uns Martin Cruz Smiths spannendste Arbeiten noch bevor.

-- ANe

Ben Winters: Der letzte Polizist

WintersMan stelle sich vor, es ist Weltuntergang und einer löst noch Kriminalfälle. So einer ist Detective Hank Palace. Warum ihm sechs Monate vor einem verheerenden Asteroideneinschlag daran gelegen ist, einen Mörder zu fassen, der seine gerechte Strafe eh nicht mehr erleben wird, liegt eigentlich auf der Hand: In den letzten Tagen der Menschheit macht jeder, was er schon immer machen wollte. Und Hank wollte schon immer Kriminalfälle lösen.

Das ist der clevere Ausgangspunkt von Ben Winters‘ präapokalyptischem Kriminalroman Der letzte Polizist. Detective Palace mag nicht glauben, dass der Versicherungsangestellte, der mit einem Gürtel erhängt in der Toilette eines Fast-Food-Restaurants gefunden wurde, Selbstmord begangen hat. Seine Ermittlungen ergeben, dass das Opfer nicht so bieder gelebt hatte, wie es zunächst den Anschein hat. Drogen und sogar der Asteroid Maia, der bald noch einigen Menschen mehr den Garaus machen soll, spielen eine Rolle. So schafft Winters eine glaubwürdige Verquickung seines Science-Fiction-Themas mit der traditionellen Krimihandlung, ohne dass eines von beidem zum Gimmick verkäme. Das Kurz-vor-Endzeit-Szenario ist konsequent durchdacht und bleibt genau das: ein Szenario. Es beeinflusst die Story, aber es buttert sie nicht unter. Im Kern bleibt das Ganze klassische Kriminalliteratur mit einem stoischen Ermittler inklusive problematischen Familienverhältnissen, einer Femme Fatale und allerlei anderen Lügnern.

Der letzte Polizist ist der erste Band einer geplanten Trilogie. Wer aufmerksam liest, dem mögen Zweifel kommen, ob das Ende der Welt tatsächlich in so trockenen Tüchern steckt, wie der Menschheit weisgemacht wird. Aber vielleicht ist das nur eine falsche Fährte oder lebenshungrige Überinterpretation. Wie auch immer es ausgeht: Wenn es so weitergeht, folgt man dem letzten Polizisten gerne bis zu seinem letzten Fall.

-- ANe

Familienduell des Grauens: Doctor Sleep vs. Christmasland

LandDer Horrorautor Joe Hill hatte sich einst sein Pseudonym gewählt, weil er nicht mit seinem Vater verglichen werden wollte. Kein Wunder, wenn der Vater Stephen King ist. Es hat geholfen: Hill durfte zu einer eigenständigen Größe im Genre werden, bevor die ganze Sache aufflog. Mit seiner neuen Veröffentlichung allerdings kann er sich den Vergleichen nicht mehr entziehen, denn Christmasland ist mit seinem epischen Umfang, seinem übersinnlich begabten Provinzpersonal, seiner dämonischen Unterwanderung des amerikanischen Traums und seinen Entwicklungsroman-Themen verdächtig nah am Werk des Vaters. Da dieser Tage außerdem Stephen Kings neuer Großroman Doctor Sleep erschienen ist, liegt es nahe, beide Bücher in einem Kampf über 7 Runden gegeneinander antreten zu lassen.

Runde 1: Die Geschichte

Christmasland heißt das schaurige Zwischenreich in Joe Hills Roman, in das ein anscheinend unsterblicher Unhold und sein nicht allzu heller aber umso brutalerer Handlanger mit ihrem bösen Automobil Kinder entführen, die dort über kurz oder lang zu gefühllosen kleinen Monstern werden. Als der Sohn der übersinnlich begabten Vicky entführt wird, macht sie sich auf, dem finsteren Mr. Manx das Handwerk zu legen.Sleep
Doctor Sleep ist der Spitzname von Dan Torrance, weil er mit seinen übersinnlichen Begabungen Sterbenden beim letzten Einschlafen hilft. Dem ähnlich begabten Mädchen Abra hingegen muss er nicht beim Sterben helfen, sondern beim Überleben. Eine Bande vampirartiger Schwerenöter hat es auf die Energie abgesehen, die Kinder wie sie im Todeskampf abgeben.
Hills Geschichte ist zielgerichteter, schnörkelloser als die seines Vaters, wodurch sie lange Zeit die Nase vorn hat. Denn King mäandert und verweilt auf Wegen und Plätzen, die nicht immer rasend interessant sind. Auf den letzten Metern aber holt er auf und zaubert überraschende Enthüllungen und kluge Verweise auf den Vorgänger-Roman Shining aus dem Hut, wodurch in dieser Runde beide Autoren gerade noch gleichziehen und einen Punkt bekommen.

Runde 2: Die Stimme

Wenn man einen Stephen-King-Roman liest, weiß man sofort, dass man einen Stephen-King-Roman liest – selbst wenn man es nicht weiß. Des Autoren Plauderton ist unverkennbar. Wenn er gut drauf ist, hört man ihm gebannt zu. Wenn er sich zu sehr bemüht, wird er unangenehm aufdringlich. In Doctor Sleep hat King den Stil, der ihn zu Recht reich und seine Leser glücklich gemacht hat, souverän im Griff.
Joe Hills Stil ist nüchterner, weniger verbindlich, geht weniger Risiko ein. Damit liegt man im Zweifelsfall nie verkehrt. Gewinnt aber im Vergleich mit einem höchst unikalen Meistererzähler keinen Blumentopf, denn dieser Punkt geht eindeutig an Stephen King.

Runde 3: Die Guten

Dan Torrance und Abra sind eckige und kantige King-Charaktere, mit denen man gerne 700 Seiten und mehr verbringt. Joe Hills Vicky allerdings, diese gebrochene Frau, die wir schon als tapferes Mädchen kennengelernt haben, werden wir nie vergessen. Ein Punkt für den Sohnemann.

Runde 4: Die Bösen

Das Dämonische Duo und die Monster-Kinder von Christmasland gewinnen an Substanz, je mehr sich die Ereignisse zuspitzen. Anfangs allerdings scheinen sie viel zu lang reine Oberfläche zu sein; als käme es Joe Hill vor allem darauf an, dass seine Geschöpfe cool auf einem Filmplakat aussähen.
Stephen Kings Vampir-Wesen hingegen sind von Anfang an über-erklärt und wir müssen so viel Zeit mit ihnen verbringen, dass ihnen eher der Schrecken lästiger Verwandter als blutrünstiger Ungeheuer anhängt. Dann doch lieber noch ein Punkt für Joe Hill.

Runde 5: Der Subtext

Doctor Sleep ist ein Roman über Abhängigkeit, Christmasland ist einer über Missbrauch. Hill opfert sein Thema mitunter dem grellen Effekt, während King es stets ernst nimmt, ob beim Alkoholiker Dan Torrance oder den anderweitigen Substanzabhängigkeiten der Antagonisten. Ein klarer Punkt für den King.


Runde 6: Der Horror

Würde Christmasland auf alles Übernatürliche verzichten, was durchaus denkbar wäre, wäre der Roman weitaus erschreckender. Vielleicht sogar unerträglich und nicht mehr als Unterhaltungsliteratur vertretbar. Genau das weiß Joe Hill, genau deshalb hat er den Fantastik-Filter eingesetzt und genau deshalb funktioniert sein Buch als Horror-Roman.
King hat inzwischen ein so festes Regelwerk um seine Shining-Mythologie geschnürt, dass ihr die Luft fehlt, die der Schrecken zum Atmen braucht. Dies mag gelungene Fantasy sein, aber für den Horror fehlt das Geheimnis, der dunkle Fleck. Ein Punkt für Hill.

Runde 7: Die Verweise

Vater und Sohn haben es sich nicht nehmen lassen, in ihren Romanen auf die eigenen Werke und die des anderen zu verweisen. King tut dies kunstvoll, ihm scheint wirklich an der Schaffung eines gemeinsamen, schlüssigen Erzähl-Universums gelegen. Bei Hill hingegen kommen King-Anspielungen als plumpes Seitenknuffen und Augenzwinkern daher, was einen eher aus der Geschichte rausbringt als in eine größere hinein. Dafür ein Punkt für Stephen King.

Damit steht es letztendlich 4:4. Man wird wohl doch nicht umhin kommen beide zu lesen.

-- ANe